Interview / GraŻyna Kulczyk

Werte / N° 22

Sinn

stiften

in

Susch

Die polnische Unternehmerin

und Kunstsammlerin GRAŻYNA KULCZYK gründete in einem

Tal in Graubünden ein Museum

von Weltgeltung

Flower Power: Die polnische Kunstsammlerin Grażyna Kulc- zyk behält in jeder Situation den Durchblick. Disteln zählen zu ihren Lieblingspflanzen

Text: Eva Karcher

Fotos: Cyrill Matter

Frau Kulczyk, im Januar 2019 eröffneten Sie Ihr Muzeum Susch. Bereits im ersten Jahr kamen 25 000 Besucher – ein

riesiger Erfolg für ein Museum in einem allgemein wenig

bekannten Ort im Kanton Graubünden. Hatten Sie mit so

viel positiver Resonanz gerechnet?

Ja. Obwohl damals wenige glaubten, dass eine Weltklasse-Instituti- on im Engadin außerhalb von St. Moritz funktionieren könnte. Aber in Polen hatte ich in meiner Heimatstadt Posen bereits ein ähnliches Modell entwickelt. 1998 kaufte ich das 140 000 Quadrat- meter große Areal einer abbruchreifen, 1918 erbauten Brauerei.

Ich renovierte das Stary Browar und baute es zu einem Kultur-

und Einkaufszentrum aus. Es gibt Restaurants und Läden, außer- dem Galerien sowie Räume für Tanz-, Performance-, Film- und Theateraufführungen. Also einen kommerziellen und einen Non- Profit-Teil zu je 50 Prozent. Die Idee war, mit den Erlösen aus den laufenden Geschäften die Kunst zu finanzieren. Wir eröffneten 2003, und das Stary Browar wurde innerhalb kürzester Zeit Kult! Wir haben zweimal den Preis als bestes europäisches Einkaufszen- trum gewonnen und einmal weltweit.


Warum haben Sie sich für Ihr Muzeum für den Standort in der Schweiz entschieden?

Meine Pläne, ein neues Museum in Posen oder Warschau zu eta- blieren, sind an den Behörden gescheitert, die mein Vorhaben ei- nes halb privat und halb öffentlich finanzierten Kulturzentrums nicht mitgetragen haben. Daher entschied ich mich, in die Provinz zu gehen – statt in irgendeine europäische Hauptstadt. Ich besaß damals ein Haus in Tschlin, etwa 45 Minuten von Susch entfernt. Eines Tages entdeckte ich dann in Susch eine Brauerei aus dem 19. Jahrhundert, die zu einem Kloster aus dem 12. Jahrhundert gehör- te. Es war Schicksal. Schon einmal hatte mir eine Brauerei Glück

gebracht! Außerdem faszinierte mich die Geschichte des Ortes: Einst war er ein Rastplatz für Pilger und ihre Pferde auf dem Weg nach Santiago de Compostela und Rom, gleichzeitig ein Handels- platz, denn die Mönche brauten Bier. Sie agierten also, weit vor der Erfindung des Begriffs „glocal“, sowohl lokal als auch global. Hier, in der Peripherie, wo Menschen zur Ruhe kommen, ihren eigenen Rhythmus wiederfinden können, hatte ich meinen idealen Wall- fahrtsort gefunden.


Sie trafen einen Nerv der Zeit. Das Engadin ist zu einem Hot Spot der Kunst geworden, mit Top-Galerien, Sammlern und Künstlern.

Genau, es war perfektes Timing. Mein Muzeum Susch habe ich

als Ort der Kontemplation entworfen, als Ort für Experimente aller Art, als Laboratorium für mutige Ideen – kurz: als Museum wie kein anderes. Das spiegelt sich in der Architektur von Chasper Schmidlin und seinem Partner Lukas Voellmy. Sie haben die beina- he mystische Energie des Areals verstanden und es mit subtilen Eingriffen tatsächlich in eine Art Pilgerstätte für Begegnungen mit Kunst und Natur verwandelt. Und ich liebe es, historische Gebäude zu restaurieren, sie machen uns unsere kollektiven und individuel- len Erinnerungen bewusst. Nur so kann man sich in der Gegenwart verorten und Kraft für die Zukunft gewinnen.


Was erleben die Besucher?

Nun, zunächst ist das Gebäude – es ist 1500 Quadratmeter groß – an sich ein Erlebnis. Es gibt eine Grotte, und statt des Treppenhau- ses ragt im Lichthof die monumentale Stahlskulptur „Stairs“ der polnischen Künstlerin Monika Sosnowska bis unters Dach. Eine sehr kraftvolle, beinahe brutalistische Installation. Wir machen zwei Ausstellungen pro Jahr. Außerdem gibt es ein Performance- Programm und ein Artist-in-Residence-Programm. Entscheidend

bei allem, was ich tue, ist nicht das Was, sondern das Wie. Unsere Gäste sollen bei uns wieder lernen, langsam zu sehen. Sie sollen die Kunst erfahren, aber auch die Natur, und sich in die Geschichte des Ortes vertiefen. Sich einlassen, sich Zeit nehmen. Mein Konzept ist das der „Slow Art“ – das Gegenteil vom Instagram-Museumsbesuch mit seinen Menschenmassen und Sekundenblicken auf die Kunst.


In Corona-Zeiten scheint das aktueller denn je.

Richtig. Wenn es etwas gibt, das wir in dieser pandemischen Krise lernen können, dann, wie essenziell Kunst ist und wie sehr wir ihre Orte brauchen, um ihr physisch zu begegnen. Virtualität ist eine Ergänzung, aber nie ein Ersatz.


Frauen stehen im Mittelpunkt Ihrer Sammlung und der Aus- stellungen. Auch die aktuelle Schau „Body Double“ ist einer Künstlerin gewidmet. Es ist eine Retrospektive der belgischen Pop-Surrealistin Evelyne Axell, die, 1935 geboren, 1972 bei ei- nem Autounfall starb.

Tragisch. Evelyne Axell war eine Pionierin der Pop Art in Europa, wagemutig und sehr feminin. Sie war Zeitzeugin der sexuellen Re- volution und inszenierte und feierte sich und ihren Körper und weibliche Erotik mit ihren Gemälden und Zeichnungen.


Es ist ein radikales, virtuoses und verführerisches Werk. Sam- melten Sie von Anfang an vor allem Arbeiten von Künstlerinnen?

Nein. Wissen Sie, ich bin in einem kommunistischen Land aufge- wachsen. Meine Mutter war Zahnärztin, mein Vater flog als Pilot im Zweiten Weltkrieg für die Royal Air Force. Ich begann gerade Jura in Posen zu studieren, als 1968 die weltweiten Jugendrevolten begannen. Auch in Polen gingen wir Studenten auf die Straße. Die Proteste wurden niedergeschlagen, doch damals lernte ich nicht nur die Führer der Bewegung kennen, sondern auch Künstler. Ich begriff, dass sie sehr oft an vorderster Front stehen, um gegen Ge- walt und Diskriminierung zu kämpfen. Es war der Moment, als ich verstand, dass man um seine Freiheit kämpfen muss. Immer. Denn Freiheit bedeutet Kreativität. Und Kreativität ermöglicht Kunst.


Welche Künstler begegneten Ihnen damals?

Am Anfang kaufte ich Poster der sogenannten Polnischen Schule der Plakatkunst. Sie war sehr populär, viele bekannte Künstler ar- beiteten für sie, weil sie hier weniger konformistisch sein mussten.


Beruflich begannen Sie als Richterin.

Meinen ersten Job hatte ich an meiner Universität in Posen. Doch dann traf ich den Unternehmer Jan Kulczyk, wir heirateten und gründeten eine Familie. Ich bekam zwei Kinder, Dominika und Se- bastian. Damals war mein Zugang zu Kunst eher traditionell, ich dekorierte unsere Häuser mit Bildern und Skulpturen. Doch vor allem arbeitete ich in der Holding meines Mannes. Anfang der 1980er Jahre engagierten wir uns in Joint Ventures mit internatio- nalen Investoren. Nach dem Mauerfall baute ich das erste Ver- triebsnetz in Polen für den Import von Volkswagen, Audi und Ško- da auf. Als ich merkte, dass auch Fahrräder zunehmend gefragt waren, reiste ich nach Taiwan und China und verhandelte dort als einzige Frau unter Männern bis zum Abschluss.


Frauen waren überall benachteiligt.

Allerdings. Die Disproportionalität zwischen Männern und Frauen, die ich als Geschäftsfrau vorfand, war genauso real in der Kunst- welt. Damals begann ich, Werke polnischer Künstler in den Show- rooms unserer Autosalons zu zeigen und sie zu sammeln. Bald konzentrierte ich mich auf die Arbeiten von Künstlerinnen. Denn ich wollte dazu beitragen, die eklatante Ungleichheit, die herrsch- te, zu ändern!


Fühlten Sie sich stets emanzipiert?

Immer. Ich führte selbst einige Firmen, besonders im Immobilien- bereich. Wissen Sie, ich habe immer mein Ziel vor Augen. Es gibt für mich keine Exit-Strategie, keinen Plan B. Sondern ich glaube daran, dass ein Projekt Erfolg hat. Dafür setze ich alle Energien

ein und arbeite sehr hart. Aber ich tue nur, was ich wirklich tun möchte.


Wie groß ist Ihre Sammlung inzwischen?

Sie wächst ständig, aber ich zähle nicht. Es sind 700, vielleicht

800 Werke internationaler Künstler.


Zum Beispiel?

Louise Bourgeois, Alina Szapocznikow, Agnes Martin, Rosemarie Trockel, Teresa Tyszkiewicz, Berlinde De Bruyckere, Paulina Ołow- ska, Zofia Kulik. Aber auch Männer sind vertreten, von Donald Judd, Andy Warhol, Andrzej Wróblewski oder Victor Vasarely über Günther Uecker, Antoni Tàpies, Mirosław Bałka, Wilhelm Sasnal, Rafael Lozano-Hemmer, Ólafur Elíasson. Alle Künstler zu nennen, würde unseren Gesprächsrahmen sprengen.


Was lernen Sie von den Künstlern?

Ihre Werke helfen mir, unbekannte Horizonte zu erschließen.

Aber mein größtes Bedürfnis ist es, meine Leidenschaft für Kunst mit anderen zu teilen. Das Wichtigste ist das, was wir anderen Menschen geben können.

In der Krise jetzt konnten wir lernen, dass Virtualität eine Ergänzung ist, aber nie ein Ersatz

GraŻyna Kulczyk

Es gibt für mich

keine Exit-Strategie, keinen Plan B. Ich glaube daran, dass ein Projekt Erfolg hat

GraŻyna Kulczyk

GraŻyna Kulczyk

Die in Posen geborene Juristin entdeckte während des Studiums die Kunst. Mit ih- rem Mann, dem Unternehmer Jan Kulczyk, baute sie ein Imperium in den Bereichen Energie, Telekommunikation und Auto- handel auf. Sie selbst investiert auch in Immobilien und neue Technologien. In ih- rer Sammlung aus über 700 Werken polni- scher und internationaler Künstler stehen weibliche Positionen im Mittelpunkt. An- fang 2019 eröffnete sie ihr Muzeum Susch im Kanton Graubünden, das innerhalb ei- nes Jahres zu einem Hot Spot der globalen Kunstszene wurde.

muzeumsusch.ch