Gespräch / ESG

Werte / N°24

WERTE-Autorin Helene Laube sprach in einer Vi- deokonferenz mit Markus Müller, Maria Haindl und Tuan Huynh über Heraus- forderungen und Chancen der Nachhaltigkeit

Mangelnde

Nachhaltigkeit

ist auch ein

unternehmerisches

Risiko

Die Deutsche Bank richtet ihr Geschäft zunehmend an

ESG - Kriterien aus, also an ökologischen und sozialen Faktoren

und Aspekten solider Unternehmensführung. Maria Haindl,

Tuan Huynh und Markus Müller bringen diesen Wandel bei

der Internationalen Privatkundenbank (IPB) voran

Warum kommt in der Finanzdienstleistungsbranche kein Mensch mehr an dem Thema Nachhaltigkeit vorbei?

Maria Haindl: Wir sehen es als unsere gesellschaftliche Verant- wortung an, die Finanzströme in Richtung Nachhaltigkeit zu len- ken. Wir glauben, dass nur mit der effizienten Zusammenarbeit von Unternehmen, Regulatoren und Banken ein Effekt erreicht werden kann. Banken sind Risikomanager, und es gehört somit auch zu unseren Aufgaben, mittel- und langfristige Risiken zu erkennen, die mit der Nichteinhaltung von ESG-Kriterien einhergehen.

Markus Müller: In erster Linie müssen wir Nachhaltigkeit insge- samt als eine soziale Notwendigkeit verstehen. Die Deutsche Bank ist Teil der Gesellschaft und Teil der Wirtschaft. Die Nichtbeach- tung von Nachhaltigkeitskriterien – also von den nichtfinanziellen Dimensionen der Umwelt, in der wir leben, und der Ökonomie – birgt Risiken. Diese können wiederum negative Effekte auf die

soziale Stabilität und damit auf die soziale Gerechtigkeit haben. Wenn wir diese Risiken nicht beachten und sie aus dem Ruder lau- fen lassen, rauben wir uns unsere Geschäftsgrundlage der Zukunft.

Nachhaltigkeit steht im Mittelpunkt der Strategie unserer Bank, um unsere Kunden bei der Transformation zu mehr Nachhaltigkeit zu begleiten. Wir wollen als Vorbild vorangehen und leisten unse- ren Beitrag zu einer umweltfreundlicheren, sozialeren und besser geführten Wirtschaft. ESG ist kein Trend, sondern eine strukturelle Veränderung.


Wie stark kann eine einzelne Bank zu nachhaltigerem Handeln anregen?

Tuan Huynh: Würden wir als Deutsche Bank dieses Thema alleine in den Fokus stellen, hätte das wohl eine gewisse Bedeutung, aber wir sind nicht so naiv zu glauben, dass wir alleine eine Wende her- beiführen können. Vielmehr muss in der gesamten Finanzbranche ein Bewusstsein geschaffen werden. Finanzinstitute können und müssen positiv auf Unternehmen wirken. An den Märkten ist klar zu sehen, dass dieses Thema stark an Bedeutung gewinnt.

Müller: Ich glaube schon, dass unser Einfluss entscheidend

ist, nicht nur als führende Bank in Deutschland mit starken

europäischen Wurzeln und einem globalen Netzwerk, sondern auch basierend auf unserer Historie und auf unserer Kompetenz

sowohl in der internationalen und lokalen Privatkundenberatung als auch in der unternehmerischen Finanzierungsberatung.


Bloomberg Intelligence zufolge sollen die weltweit verwal- teten ESG-Vermögenswerte bis 2025 auf mehr als 50 Billio- nen Dollar steigen. Erhöht das den Druck auf kapitalsu- chende Unternehmen?

Huynh: Alle Geldverwalter zusammengenommen können positiv auf Unternehmen wirken, indem sie von ihnen die Erfüllung von ESG-Kriterien fordern. Tun sie das nicht, können wir sagen: Wir können eure Aktien, eure Bonds nicht kaufen. Das wirkt sich

entsprechend auf die Kapitalbeschaffung der Unternehmen aus, hat aber im Umkehrschluss eine positive Wirkung und treibt

den gesellschaftlichen Wandel insgesamt voran.


Welche Ausschlusskriterien im Management von Vermö- gen, also zum Beispiel bei Fonds oder Mandaten, gibt es?

Haindl: Bei der Auswahl von Anlageinstrumenten werden Nach- haltigkeitsaspekte berücksichtigt und bestimmte Geschäftsprakti- ken und Geschäftsfelder ausgeschlossen. Wir haben dafür drei Be- reiche definiert. Absolut hartes Ausschlusskriterium ist, wenn Un- ternehmen oder Emittenten gegen Normen, Gesetze und global

anerkannte Standards verstoßen. Dann gibt es Geschäftsfelder, die wir komplett ausschließen, etwa die Herstellung von Uran oder den Handel mit Waffen. Die dritte Kategorie ist umsatzbezogen. Unter- nehmen oder Emittenten, die mehr als fünf Prozent ihres erwirt- schafteten Umsatzes in gewissen Geschäftsfeldern erwirtschaften, werden ausgeschlossen. Dazu gehören unter anderem die Produkti- on thermischer Kohle oder die Lieferung von Kernkomponenten für die Atomindustrie.


Sie setzen ein klares Zeichen und machen ESG zum Stan- dard: Ihre Kund*innen müssen einen ESG-Ansatz künftig abwählen statt hinzuzuwählen. Warum gerade jetzt?

Haindl: Nachhaltigkeit wird unseres Erachtens die neue Normali- tät sein – wenn sie das nicht schon jetzt ist. Wir glauben, dass es nicht darum geht, nachhaltig hinzuzuwählen, sondern dass die

Gesellschaft so weit ist, die Nachhaltigkeit als den Normalzustand oder jedenfalls den erwünschten Zustand zu sehen.

Huynh: ESG ist nicht nur eine Anlageklasse, es ist eine komplett neue Herangehensweise und ein Langfristthema. Wir wollen unse- ren Kund*innen so transparent wie möglich aufzeigen, was sie mit ihrem Investment erreichen, seien das Umwelt-, soziale oder As- pekte guter Unternehmensführung. Daran arbeiten wir gerade.

Müller: Es geht dabei nicht nur um ESG-Produkte. Auch bei Nicht- ESG-Produkten müssen wir die Wirkung auf Umwelt und Gesell- schaft beachten.


Bieten Sie vermögenden Privatkunden bald nur noch

nachhaltige Produkte an?

Haindl: Nein, unsere Aufgabe als Vermögensverwalter und Risiko- manager ist es, die Bedürfnisse unserer Kund*innen zu verstehen und sie zu begleiten, auch hinsichtlich traditioneller Investitionen. Diejenigen, die Nachhaltigkeitskriterien künftig stärker berück- sichtigen wollen, unterstützen wir selbstverständlich darin. Jede unserer Produktkategorien wird künftig eine ESG-Variante enthal- ten – einschließlich der Strategic Asset Allocation. Damit unter- stützen wir unsere Kund*innen darin, im Einklang mit ihren Wer- ten zu investieren.


Bezweifeln manche Kund*innen nicht, dass sie mit nach- haltigen Investments etwas bewirken können?

Haindl: Es gibt Menschen, die nach wie vor sagen, dass sie alleine ohnehin keinen Unterschied machen können. Das gesellschaftliche Bewusstsein aber ist vorhanden. Meine Antwort darauf lautet da- her immer: Doch, gemeinsam machen wir einen Unterschied, und je mehr Menschen das sehen, umso schneller vollzieht sich auch der gesellschaftliche Wandel.


Kritiker*innen sagen, dass kein substanzielles Umsteuern, sondern vor allem Nachhaltigkeits-PR stattfindet. Auch ist NGOs die ESG-Strategie der Deutschen Bank mit dem 200- Milliarden-Euro-Ziel für nachhaltige Finanzierungen nicht ehrgeizig genug.

Müller: In der Deutschen Bank betreiben wir nicht nur Nachhal- tigkeits-PR, wir wollen den globalen Wandel zu einer nachhalti- gen, klimaneutralen und sozialen Wirtschaft proaktiv mitgestalten. Im Mai 2020 hat die Bank erstmals quantifizierbare Ziele veröffent- licht, wie wir unser Geschäft im Bereich Nachhaltigkeit ausweiten

wollen. Kritik hören wir uns an, auch, um sie zu verstehen. Es ist die Aufgabe der NGOs, uns auf den Zahn zu fühlen. Der wichtigste Teil unserer Nachhaltigkeitsstrategie ist und bleibt die Integration des ESG-Verständnisses in unsere gesamte Wertschöpfungskette. Unsere Kund*innen begleiten wir bei diesem Wandel.

Huynh: Unternehmen, die aufgrund schwacher ESG-Leistung wo- möglich mittel- bis langfristig von Finanzierungen ausgeschlossen werden, wollen wir die Chance geben, ihr Geschäftsmodell zu überprüfen und nachhaltig auszurichten. Das sehen wir als unsere Verantwortung.


Wie viel Druck kann eine Deutsche Bank auf Großkunden mit nichtnachhaltigen Geschäftsmodellen wie etwa Erdöl- konzerne ausüben?

Huynh: Allein können wir die Veränderungen natürlich nicht her- beiführen, wir brauchen dabei auch die Unterstützung unserer Wettbewerber.


Rückt die Pandemie ESG-Überlegungen mehr ins Zentrum oder geraten sie eher aus dem Fokus?

Müller: Als Ökonom kann ich sagen, dass die Pandemie als Brenn- glas und Beschleuniger dient, weil man sich viel mehr Gedanken darüber macht, welchen Einfluss unser Handeln im globalen Kon- text hat – oder eben nicht. Die sozioökonomische Entwicklung zeigt aber, dass eine Situation lange anhalten muss, bis eine Gesell- schaft richtig daraus lernt. Ich drücke uns die Daumen, dass wir es tun. Aber es bleibt abzuwarten.

INTERVIEW

Helene Laube


ILLUSTRATION

Paula Sanz Caballero, Oriana Fenwick

„In erster Linie müssen wir Nachhaltigkeit insgesamt als soziale Notwendigkeit verstehen. Die Deutsche Bank ist Teil der Gesellschaft und Teil der Wirtschaft“

Markus Müller

„Gemeinsam machen wir einen Unterschied. Und je mehr Menschen das sehen, umso schneller vollzieht sich auch der gesellschaftliche Wandel“

Maria Haindl

Markus Müller

Maria Haindl

Tuan Huynh

Markus Müller ist Globaler Leiter des Chief Investment Office der Privatkun- denbank (PB). Der studierte Ökonom ver- tritt die Kapitalmarktmeinung für die PB für alle Anlageklassen und -strategien. Er ist zudem Mitglied im Nachhaltigkeitsrat der Deutschen Bank.

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Maria Haindl ist Leiterin der Vermögens- verwaltungsprodukte (Discretionary Portfolio Management Products, kurz DPM Products) der IPB. In dieser Funktion treibt sie das ESG-Angebot voran und strukturiert das DPM-Angebot neu. Die studierte Ökonomin ist zudem weiterhin Leiterin des Bereichs CIO & Investment Solutions für Deutschland.

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Tuan Huynh ist neuer globaler Leiter der Vermögensverwaltung der IPB und überführt in dieser Funktion die DPM- Bestände in nachhaltige Strategien. Zu- vor war der Diplom-Kaufmann in der Vermögensverwaltung Investmentchef für Europa inklusive Deutschland und die Region Asien-Pazifik.

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„Alle Geldverwalter zusammengenommen können positiv auf Unternehmen wirken, indem sie von ihnen

die Erfüllung von

ESG-Kriterien fordern“

Erfolgreiche ESG-Strategie

Die Internationale Privatkundenbank (IPB) der Deutschen Bank hat bei ihrer ESG-Strategie wichtige Fortschritte erzielt. Bereits im Juni wurde ein ESG- Anlagevermögen von neun Milliarden Euro erreicht. Und die IPB engagiert sich auch anderweitig: Erst kürzlich ist sie als erste Bank Vollmitglied der Ocean Risk and Resilience Action Alliance (ORRAA) geworden. Auch das CIO Office veröf- fentlicht regelmäßig ESG-Publikationen, darunter auch einen spezi- ellen Bericht zur Bedeutung der Artenvielfalt (Biodiversität) sowie die Ergebnisse einer Kundenbefragung zum Thema ESG. Die Um- frage ergab, dass drei Viertel der Kunden sich wünschen, dass ihre Kapitalanlagen etwas Positives bewirken. Erst im Mai lancierte die Deutsche Bank eine neue ESG-Fondspalette für vermögende Privat- kunden in Deutschland. ESG-Schulungen werden allen Mitarbei- ter*innen weltweit angeboten.

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