Interview / Alice Peragine

Werte / N° 22

Body,

Space,

Tech &

Gender

Diese Themen setzt Alice Peragine in ihren Performances um. Der Villa-Romana-Preis ist für sie Ehre und Karriere-Sprungbrett zugleich

Alice Peragine

Ihr Vater ist Italiener, ihre Mutter Deut- sche, geboren wurde die Villa-Romana- Preisträgerin 1986 in München und wuchs in Hamburg und New York auf. Nach dem Studium der Kunst und Kunstgeschichte folgten Auslandsaufenthalte in San Fran- cisco und Arnheim. Seit 2011 macht sie mit Performances auf sich aufmerksam.

Wie haben Sie Ihre künstlerische Ader entdeckt,

Alice Peragine?

Ich bin dreizehn Jahre auf die Rudolf-Steiner-Schule in Hamburg gegangen. Dort gehören Tanz, Bewegung als künstlerischer Aus- druck, Handwerk, Musik dazu. Dieser ganzheitliche Ansatz hat mich geprägt. Und meine Eltern, beide selbst kreativ tätig, haben mich stets unterstützt und gefördert, „out of the box“ zu sein.


Was möchten Sie mit Ihrer Kunst ausdrücken?

Vorsprachliches, Intuitives, Aufrüttelndes. Ich weiß zu Beginn meistens gar nicht, wohin mich der Ansatz einer Idee führt. Ich arbeite oft mit meinem Körper im Raum und mit Technik, die uns vermeintlich schützt. Ich möchte dabei eine Situation des Mitein- anders schaffen, einen Dialog herstellen. In meiner Performance „Soft Core – Protection Procedure“ 2016 zum Beispiel marschiert eine uniformierte Gruppe auf dem Rathausmarkt, martialisch wie Soldaten oder Polizisten. Die Zuschauer werden aufgefordert mit- zumachen und per Funkkopfhörer in immer enger werdende Bah- nen kommandiert. Für die Serie „Hard Drive“ habe ich Unfallautos fotografiert, die schlaffen Airbags, die Zerstörung. Abstrakte Col- lagen, die die Ambivalenz zwischen Gewalt, Verletzlichkeit und Sicherheit zeigen.


Hat Ihre androgyne Erscheinung etwas mit Ihrer Kunst

zu tun?

In gewisser Weise schon. Ich verstehe mich als queer-feministi- sche KünstlerIn. Frühere Generationen protestierten gegen Machtstrukturen mit Bewegungen wie Flower Power, Student*in- nenrevolte oder „Act Up“ der AIDS-Aktivist*innen. In meiner Ge- neration ist Gleichheit zwischen den Geschlechtern und Gender- Diversität ein wichtiges Thema.


Was bedeutet Ihnen der Villa-Romana-Preis?

Unglaublich viel, ich bin dankbar für diese Ehrung. Ich konnte Co- rona-bedingt ja leider nur von Februar bis zum Lockdown vor Ort sein. Aber die Atmosphäre in der Villa, die Stadt Florenz, die Lo- ckerheit der Italiener: Ich hatte sofort das Gefühl „these are my people!“ – meine italienische Ader, ein bisschen offener und dra- matisch halt. Auch wenn ich bis auf weiteres nicht physisch in der Villa anwesend sein kann, bin ich mit Frau Stepken und den ande- ren Fellows im Austausch. Da ich Asthmatikerin bin, traue ich mich derzeit einfach nicht zu reisen. Dankbar bin ich auch, dass die monatliche Zuwendung des Stipendiats weiterfließt. Das hat mein Leben gerade während des Lockdowns erleichtert.


Was erhoffen Sie sich von der Zukunft

Ich wünsche mir natürlich, dass der Villa-Romana-Preis mir mehr Sicherheit verschafft, wie vielen großartigen Künstler*innen vor mir. Seit zwei Jahren kann ich zwar einigermaßen von meiner Kunst leben, aber es ist sehr viel unbezahlte Arbeit dabei. Man muss sich intensiv und dauerhaft um Fördergelder bewerben, Ho- norare für Kunst-Performances aushandeln. Meine Arbeiten lassen sich in der Regel ja nicht als etwas verkaufen, das man sich ins Wohnzimmer stellt oder an die Wand hängt. Höchstens meine fo- tografischen Arbeiten.


Apropos Corona und die Folgen: Wird die Welt danach eine bessere sein?

Solange die vorherrschenden Machtstrukturen nicht überwunden werden, siegen bisher doch immer die Konzerne und der Konsum. Aber sicher werden viele Menschen bewusster handeln, neue Wege zu gehen.

Text: Barbara Friedrich

Fotos: Benne Ochs

In ihrem Studio in Hamburg lagert Alice Peragine Kostüme und Equipment. Wie die schuss- sichere Weste und Hundeleinen aus der Performance „Soft Core“ (links) oder einen Auto- spiegel mit Kupferdraht (oben), der Teil einer Ausstellung im Februar 2021 in München sein wird