Interview / Familie Röser

Werte / N° 22

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Neustart

Wie nachhaltig Corona die Wirtschaft verändert, weiß kaum jemand so genau wie SARNA RÖSER. Sie ist Unterneh-merin und die Stimme der jungen Unternehmer in Deutschland

Sarna Röser

Die 33-Jährige hat Internationale Betriebs- wirtschaft studiert und ist designierte Nachfolgerin ihres Vaters im 1923 gegrün- deten Familienunternehmen im baden- württembergischen Mundelsheim. 2009 stieg sie in die elterliche Social Angels Stiftung als Vorstandsmitglied ein. Sarna Röser ist Mitglied der Geschäftsleitung und Prokuristin in der Röser FAM GmbH & Co. KG. Seit März 2018 ist sie zudem Bundes- vorsitzende des Verbands Die Jungen Un- ternehmer und seit 2020 Mitglied des Auf- sichtsrats der Fielmann AG.

karl-roeser.dewww.junge- unternehmer.eu

Text: Leonard Prinz

Foto: Maurice Haas

Wichtig für jede konjunkturelle Belebung ist

Vertrauen in eine bessere Zukunft

Das alles beherrschende Thema ist Corona. Wie hat der Lock- down Ihr Unternehmen getroffen?

Sarna Röser: Wir sind mittlerweile im sechsten Corona-Monat; Ab- stands- und Hygieneregeln sind eingeübt und verinnerlicht. Zu Beginn der Pandemie jedoch hat sich jeder Unternehmer fragen müssen, ob und unter welchen Bedingungen es weitergehen kann. Wir mussten die Frage klären, inwieweit wir Hygieneabstände ein- führen können. In der Produktion war das einfach. Unsere Ferti- gungshalle ist groß, da können wir die Abstände gut einhalten. Die Unsicherheiten sind aber weiter groß. Wir Unternehmer wollen wieder loslegen, aber solange zum Beispiel die Kinderbetreuung nicht umfassend auch bei erneuten Ausbrüchen organisiert ist, wird es auch in den Betrieben keine Normalität geben.

Jürgen Röser: Für die Verwaltung haben wir Hard- und Software dazugekauft. Wir haben Bildschirme und Laptops zu Hause bei den Mitarbeitern aufgebaut, damit sie von dort arbeiten konnten. Das haben alle sehr gut angenommen.


Das eine ist die Organisation, das andere die Auftragslage.

Jürgen Röser: Als Bauzulieferer für Gemeinden, Kommunen und Autobahnverwaltungen, also als Hersteller von Rohren und Schächten aus Beton für die Kanalisation, geht unser Geschäft nach den Wintermonaten normalerweise so richtig los. Im Früh- jahr ist die Baukonjunktur wetterbedingt am stärksten. Genau da kam der Lockdown. Aber auch da hatten wir noch Glück. Unsere Auftraggeber haben signalisiert, dass weitergebaut wird. Aber wie soll es weitergehen, wenn in den Städten und Kommunen bald die Kassen leer sind? Wenn jetzt die Gewerbesteuer wegbricht? Wie wird es in ein paar Monaten oder nächstes Jahr, wenn nicht mehr genug Geld in den öffentlichen Kassen ist für neue Infrastruktur- maßnahmen? Das sehen wir mit Sorge.


Welche Branchen sind besonders betroffen?

Sarna Röser: Die Jungen Unternehmer und die Familienunterneh- mer sind als Verband branchenübergreifend aufgestellt. Da wird deutlich, dass alle im gleichen Ökosystem wirtschaften. Wir haben jetzt schon erlebt, wie diese Kettenreaktion wirkt: Wenn das Hotel geschlossen ist, dann betrifft das auch die Zulieferer, regionale Handwerker und, und, und. Es ist wie ein Corona-Domino. Der ers- te Stein fällt und zieht die anderen mit sich. Wenn jetzt im Herbst eine große Insolvenz-Welle kommt, wovon wir ausgehen müssen, wird das enorme wirtschaftliche Auswirkungen auf uns alle haben.


Wie bewerten Sie die ersten getroffenen finanziellen Hilfen für Unternehmer?

Sarna Röser: Für alle war der Lockdown eine Vollbremsung bei vol- ler Fahrt. Von heute auf morgen bedeutete er kein Umsatz mehr, aber hundert Prozent Kosten – das war heftig. Es war daher richtig und wichtig, dass die Regierung in Deutschland so schnell bei der Liquidität geholfen hat. Dennoch gab es zwischenzeitlich eine Mit- telstandslücke, die erst im Sommer mit der Überbrückungshilfe des Wirtschaftsministeriums gefüllt wird. Denn die kleinen Unter- nehmen haben schnell Zuschüsse erhalten und die Großen den Notfallplan eines Staatseinstiegs, was Zuführung von Eigenkapital bedeutet. Unser Mittelstand hat daher auf Reserven zurückgreifen müssen.


Welche „Folgeschäden“ sehen Sie?

Sarna Röser: Das alles wird massive Auswirkungen auf die Wirt- schaft und die Gesellschaft haben – und je länger die Krise dauert, umso kritischer wird es werden. Die enormen Corona-Schulden- berge, die wir jetzt anhäufen, wird irgendjemand zurückzahlen müssen. Das ist es auch, was mich wirklich schockiert: Niemand fragt, wer die Schulden wie zurückzahlen wird.


Und wer wird es zahlen?

Sarna Röser: Die nächsten Generationen sind doppelt gekniffen. Zum einen, weil sie die Schulden bedienen müssen. Zum anderen, weil in den künftigen Bundeshaushalten dadurch die Spielräume fehlen, um in die Zukunft investieren zu können. Das Gleiche trifft auf den EU-Haushalt zu: Allein das EU-Konjunkturpaket werden wir mindestens dreißig Jahre lang abzahlen. Ob es Steuererhöhun- gen oder eine Vermögensabgabe geben wird, dazu sagt keiner etwas.

Jürgen Röser: Für den Standort Deutschland wird es schwierig, wenn wir jetzt nicht bessere Rahmenbedingungen schaffen, um international mithalten zu können.


Was wäre aus Ihrer Sicht nötig, um Handlungsfähigkeit und Sicherheit für die Zukunft zu generieren?

Sarna Röser: Wir brauchen einen Restart. Zur Krisenbewältigung braucht es eine Mischung aus Wachstum, Beschäftigungsimpulsen und Prioritätensetzung bei den Staatsausgaben. Nur so entsteht der finanzielle Spielraum, den wir für Zukunftsinvestitionen in Bil- dung, Digitalisierung und Infrastruktur benötigen. Wichtig für jede konjunkturelle Belebung ist Vertrauen in eine bessere Zukunft – und das haben wir Unternehmer nur, wenn wir nicht baldige Steu- ererhöhungen fürchten müssen. Wir brauchen jetzt auch einen schlankeren digitalen Staat, zum Beispiel eine digitale öffentliche Verwaltung. Deutschland ist im Bereich Digitalisierung ein Entwicklungsland.


Jürgen Röser, wenn Sie die Zeit heute mit der vergleichen, als Sie vor 35 Jahren im Unternehmen angefangen haben: Was ist heute anders?

Jürgen Röser: Die Schnelllebigkeit! Wir stecken mitten in der digi- talen Transformation. Wir müssen uns immer wieder hinterfragen, was das gerade für unsere Branche bedeutet. Müssen wir unser Ge- schäftsmodell überdenken? Wird noch mehr automatisiert? Wird noch mehr digitalisiert? Wie digital können wir mit unseren Pro- dukten werden? Solche Fragen und so eine Geschwindigkeit der Veränderung hatten wir damals nicht.


Was bedeutet Unternehmerin zu sein für Sie, Sarna Röser?

Sarna Röser: Für mich ist Unternehmertum eine Geisteshaltung, eine Leidenschaft für etwas. Das Wichtigste ist, dass man für das, was man tut, brennt. Unternehmertum bedeutet für mich, meine eigenen Träume und Visionen umzusetzen. Selbst zu bestimmen, wie ich mein Unternehmen gestal- te, in welche Richtung es gehen soll, was und wie ich es umsetze.


Brauchen wir also mehr Unternehmer?

Sarna Röser: Definitiv. Die Gründerzahlen sind in Deutschland er- schreckend niedrig. Warum das so ist, ist mir auch klar: Wir bilden nur Manager aus, keine Unternehmer. Das fängt in der Schule an. Das Berufsbild des Unternehmers ist dort kein Thema. Jugendliche bekommen nicht das Rüstzeug, um Unternehmer zu werden. Die Rahmenbedingungen sind auch zu kompliziert. Man braucht im Schnitt neun Amtsgänge, um eine Firma zu gründen. Warum geht das nicht digital? Ein Mausklick, und ich kann loslegen!


Jürgen Röser: Erschwerend ist auch, dass ein Scheitern nicht ge- sellschaftlich akzeptiert wird. Manchmal klappt es erst im dritten oder vierten Anlauf. Das darf nicht mehr negativ sein.

Sarna Röser: Hinzu kommt: Unternehmer haben zwar oft als Böse- wichte im Fernsehkrimi eine prominente Rolle, aber die Positiv- Beispiele, diejenigen, die unseren Wirtschaftsstandort zusammen- halten und weiterbringen, werden nur selten gezeigt. Das muss sich ändern. Wir müssen zeigen, dass Unternehmertum etwas Tol- les ist und es sich lohnt, mutig zu sein.


Wer soll das lehren?

Sarna Röser: Lehrer müssen weitergebildet werden in Wirtschaft und Technik. Unser Rohstoff in Deutschland ist Wissen. Wenn wir nicht ausbilden, was bleibt dann? Wir müssen in Bildung investie- ren, um mit anderen Ländern mithalten zu können.


Markiert Corona einen Wendepunkt?

Sarna Röser: Niemand wünscht sich eine Pandemie! Sie ist ein so einschneidendes Erlebnis, das wird viel verändern. Es ist für meine Generation die erste große Krise. Wir müssen daraus lernen und uns darauf einstellen, dass so etwas wieder geschehen kann. Wir müssen wachsamer und vorausschauender werden.

Jürgen Röser: Viele Unternehmer leiden darunter, dass es nicht möglich ist, Videokonferenzen ordentlich aufzubauen und gleich- zeitig noch eine E-Mail zu öffnen. Wir alle haben jetzt hautnah zu spüren bekommen, wie schlecht die digitale Infrastruktur ist. Ge- nauso wird es mit dem Klimawandel. Nach zwei, drei extrem hei- ßen Sommern und Wasserknappheit werden die Menschen hof- fentlich spüren, dass etwas geändert werden muss.

Sarna Röser: Grundsätzlich müssen wir in Deutschland jetzt tech- nologieoffener und schneller werden, weil niemand wirklich weiß, was die Zukunft bringen wird. Diese Pandemie hat kein Wissen- schaftler vorhergesagt, keiner hat eine Krise dieses Ausmaßes er- wartet. Das hat uns kalt erwischt. Und das darf sich so nicht wiederholen.

Sarna Röser

Jürgen Röser mit seiner Tochter Sarna in der Produktionshalle ihres Unter- nehmens. Sie stellen Rohre und Schachtsysteme aus Beton her, zu den Auftraggebern zählen Kommunen und Autobahnverwaltungen