Portrait Next-Gen

Werte / N° 21

Der

Erfolg

von

nebenan

Gründer CHRISTIAN VOLLMANN sieht im Internet nicht nur Chancen, sondern auch die Verpflichtung, die Welt zu verändern, Menschen zusammenzubringen, Sinn zu stiften

E

ine alte Fabrik in Berlin-Kreuzberg, weiß gekalkte Wän- de, weitläufige Räume. Mittendrin Christian Vollmann, der mit seinen Lachfältchen um die Augen aussieht, als

würde er besonders oft lächeln. Das liegt womöglich an der Er- folgsgeschichte, die er in der Wohnküche des Bürolofts erzählt. Eine Geschichte, die mit einer ruhigen Kindheit im fränkischen Dormitz beginnt. „Das halbe Dorf hat sich am Sonntag in der Kir- che getroffen. Handys, Internet, das gab es damals noch nicht.“ Die Eltern hatten nie eine Chance, Abitur zu machen oder zu studieren. „Aber sie haben alles dafür getan, um es den Kindern zu ermöglichen.“

Bis sich Christian Vollmann beim Fußball das Kahnbein brach, wollte er Arzt werden – aus Bewunderung für seinen Kinderarzt. Zwölf Wochen Gips und die Idee eines Freundes, sich HTML beizu- bringen, gemeinsam ein Unternehmen zu gründen und den kleinen Firmen in Dormitz Webseiten zu bauen, veränderten alles. Das war auch der Moment, in dem Christian Vollmann damit begann, an die enorme Energie des Internets zu glauben. Er studierte BWL, machte 1999 ein Praktikum bei Alando und lernte dort viel vom Gründer Oli- ver Samwer und dessen Brüdern. „Während dieser Zeit kam eBay und hat die Firma gekauft. Da habe ich verstanden, wie Märkte funktio- nieren. Mir wurde klar, dass das Internet alles umkrempeln wird.“

Im Jahr 2003 gründete er das Dating-Portal iLove, 2006 MyVideo, 2008 eDarling. Der „Business Angel“ investierte in mehr als 70 Start-ups, vertraut meist seinem Bauchgefühl. „Die besten Gründer sind die, bei denen große Visionen und gute Umsetzung zusam- menkommen. Und Risikobereitschaft! Das ist auch der Grund, war- um wir in Deutschland ins Hintertreffen geraten. Es gibt hierzu- lande eine negative Einstellung gegenüber Unternehmern.“ Nach drei erfolgreichen eigenen Gründungen befand er sich in einer Sinnkrise. „Mein Verständnis war bis dahin: Ich bin Gründer, und logischerweise baue ich bald das nächste Unternehmen auf. Doch plötzlich fühlte sich das schal an.“ Ihm fiel Steve Jobs’ berühmter Satz vom „dent in the universe“ ein. Welche Delle im Universum wollte Vollmann hinterlassen? „Seit 1999 dachte ich, wir revolutio- nieren die Welt. Der Arabische Frühling kam, und ich spürte, dass das Internet sogar Diktaturen zu Fall bringen kann.“ Doch danach fingen Probleme an – gesellschaftliche Spaltung, Landflucht, Hass- kommentare in sozialen Medien. „In dieser Gemengelage fand ich, dass sich die Leute eigentlich wieder mehr begegnen müssten und dass es mehr Gemeinschaften von Menschen geben sollte.“ Voll-

mann fiel auf, dass er selbst es nicht besser machte. Seine Nach- barn in Berlin, wo er mit Frau und drei Kindern lebt, kannte er gar nicht, die Hemmschwelle war hoch, mal eben bei denen zu klin- geln. Und damit hatte er seine Delle im Universum gefunden: ein kostenloses Nachbarschaftsnetzwerk, das fremde Menschen zusammenbringt.

Wer sich zuerst online verabredet, dem fällt der analoge Schritt danach leichter. Vollmann gründete 2015 nebenan.de. Inzwischen hat das Netzwerk 1,5 Millionen Nutzer. 70 Angestellte füllen in Ber- lin zwei Fabriketagen. Eine gemeinnützige, durch Spenden finan- zierte Stiftung initiiert Feste, es gibt erste Firmenableger in Frank- reich, Spanien und Italien. Vor allem aber weiß Vollmann von vie- len Geschichten über Menschen, die nebenan.de zusammengeführt hat – von Leih-Omis bis zu Hobbygärtnern. Finanziert wird das Netzwerk über freiwillige Beiträge, lokale Werbung und städtische Kooperationen. Christian Vollmann, der inzwischen auf einer Hän- gematte Platz genommen hat, wirkt beim Blick auf sein Werk tie- fenentspannt: „Mir geht es unheimlich gut, denn heute habe ich das Gefühl, etwas wirklich Sinnvolles für andere zu tun.“

Text: Tanja Breukelchen

Foto: Urban Zintel

Auf nebenan.de kann man kostenlos mit seiner direkten Nachbarschaft in Kontakt treten, sich gegenseitig helfen, Dinge

tauschen, verleihen, sich verabreden. In- zwischen nutzen rund 1,5 Millionen Men- schen Deutschlands größte Nachbar- schaftsplattform. Gegründet wurde das Start-up 2015 von Christian Vollmann, Till Behnke, Ina Remmers, Matthes Schein- hardt, Michael Vollmann und Sven Tantau.

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