Portrait Cristina Bechtler

Werte / N° 21

Kunst mit

gutem

Gewissen

Die Verlegerin CRISTINA BECHTLER ist eine „Ermöglicherin“. Sie bringt seit zehn Jahren im Engadin kreative und kluge Köpfe zusammen, um über Kunst, Gerechtigkeit und Moral zu diskutieren

Cristina Bechtler nennt sich selbst Mäzenin und Menschenrechtlerin, sie verbindet

Ethik, Moral und Kunst zu einem Thema

von gesellschaftlicher Relevanz

V

or dem Sperrholz-Pavillon, dessen weiße Außenfläche aus Papier mit unregelmäßigen senkrechten blauen Streifen bemalt ist, steht eine Schlange. Strahlend tritt

Bice Curiger, die künstlerische Leiterin der Fondation Vincent van Gogh in Arles, aus dem Oval, am Revers ihrer roten Jacke trägt sie den Sticker „Breathe with Me“. „Atme mit mir“, das interaktive Per- formance-Projekt des dänischen Künstlers Jeppe Hein, das derzeit im Rahmen der Nachhaltigkeitskampagne „Art 2030“ der Vereinten Nationen um die Welt tourt, ist auch im Graubündner Hochtal, vor dem Eingang des Restaurants Dorta in Zuoz, die Attraktion der versammelten internationalen Kunstelite. Mit geschlossenen Au- gen, wie vom Künstler gewünscht, pinselt Heins Galerist Johann König einen welligen Strich, während er langsam ausatmet und dabei seine kleine Tochter im Arm hält. Hans Ulrich Obrist, der künstlerische Direktor der Londoner Serpentine Galleries, zieht die blaue Linie schwungvoll, denn als einer der vier veranstaltenden Kuratoren muss er pünktlich in der Halle am Plazzet zurück sein, dem Veranstaltungsort der Engadin Art Talks.

Es ist E.A.T.-Zeit, wie schon neunmal zuvor in der Gemeinde Zuoz. Dieses Jahr feiern die Podiumsdiskussionen mit prominenten Teilnehmern aus den unterschiedlichsten Disziplinen und über 300 geladenen Gästen hier am letzten Wochenende im Januar ihr zehn- tes Jubiläum. Mehr als 150 Redner haben bereits ihre Ideen und Vi- sionen zum jeweiligen Thema präsentiert. Cristina Bechtler führt mit charmantem schweizerischem Akzent in das aktuelle Motto der Gespräche ein: „Wir haben das Anagramm silent – listen ge- wählt. Wer zuhört, der schweigt. Und umgekehrt. Das eine bedingt das andere. So entsteht Raum für innovatives Denken.“

Zusammen mit ihrem Kuratoren-Team, zu dem neben Curiger und Obrist auch Daniel Baumann, Direktor der Kunsthalle Zürich, und Philip Ursprung, Professor für Architektur- und Kunstge- schichte an der Züricher ETH, zählen, ist es Bechtler in den letzten zehn Jahren gelungen, das Engadin zu einem Think Tank zu ma- chen. „Kennen Sie Bruno Tauts ‚Gläserne Kette‘?“, fragt sie. War das nicht eine Art geheimer Briefwechsel, in dem Architekten und Künstler 1919/20 ihre radikalen Visionen einer gläsernen, mit der Natur verschmolzenen Architektur entwarfen? „Ja. Zu dieser Glä- sernen Kette wollten wir symbolisch Jahr für Jahr eine weitere Ku- gel hinzufügen.“

Es ist ihr gelungen. Die Liste der Künstler, Ausstellungsmacher, Architekten, Wissenschaftler, Unternehmer, Sammler, Filmprodu- zenten und anderer Kreativer reicht von der Architektin Elizabeth Diller zum Hirnforscher Wolf Singer und von der Künstlerin Sylvie Fleury bis zum Komponisten Chris Watson, der bei Expeditionen die Akustik seltener Vögel und Wildtiere aufzeichnet. Ebenso in- tensiv wie über Geister und Dämonen diskutieren sie über die Zu- kunft der Städte, die Schwerkraft und das Schweben oder das ele- mentare Recht auf Wasser. „Wir wollen Substanz. Unser Hochtal ist nicht nur High Society und Wintersport“, sagt Bechtler mit einem Augenzwinkern in Richtung St. Moritz. Dabei verrät sie, dass sie gern Ski fährt. „Aber noch mehr als die Berge mag ich das Meer.“

Tatsächlich hat sich Zuoz seinen historischen Dorfkern bewahrt, während das Zentrum von St. Moritz mehr aus Designerläden be- steht. Galeristen wie Ruedi Tschudi und Monica de Cardenas ent- schieden sich deshalb für Zuoz, wo ihr Programm in vom lokalen Architekten Hans-Jörg Ruch restaurierten Häusern gezeigt wird. „Er hat die Engadin-Architektur wiederbelebt, indem er die Struk- tur der Häuser erhält und sie mit zeitgenössischen Elementen verschmilzt.“

Dass Zuoz zum Fixpunkt der Art Society wurde, verdankt der Ort ihrem Schwager Ruedi Bechtler. Wie Cristina und Thomas ist auch der Maschinenbauingenieur ein leidenschaftlicher Sammler – und darüber hinaus ein erfolgreicher Künstler. 1996 erwarb er zu- sammen mit Partnern das 1912/13 vom St. Moritzer Architekten Nicolaus Hartmann gebaute Hotel Castell. Er ließ es von renom- mierten Architekten sanieren und ausstatten. Doch vor allem inte- grierte er einen Teil seiner Sammlung in das Hotel und lud inter- nationale Künstler ein, Werke zu installieren, die die Ästhetik des Hotels mitdefinieren. So entwarf Videovirtuosin Pipilotti Rist die

rund-geschwungene Rote Bar. Der japanische Bildhauer Tadashi Kawamata erweiterte sie mit einer federnden Sonnenterrasse aus Holz nach draußen in die Landschaft und konstruierte in der Nähe ein Felsenbad mit Wasserbecken zum Saunen und Meditieren. Auch Zimmer und Gänge im Hotel sind mit Arbeiten von Künstlern bestückt, unter ihnen Stars wie der in Mexiko lebende Belgier Francis Alÿs oder der Österreicher Erwin Wurm.

„Ruedi war der Erste, der die bildende Kunst in die Region brachte. Er hat den Engadiner Kunstboom ausgelöst, genau den Schneeball- effekt, der das Engadin allmählich in das Kunstmekka verwandelte, das es heute ist“, erklärt Cristina Bechtler beim Essen auf der Ter- rasse des Hotels.So hat dann auch die Bechtler Stiftung verschie- dene Skulpturen im öffentlichen Raum realisiert, wie James Tur- rell, Martin Kippenberger, Ken Lum, Janet Cardiff, Roman Signer, Tadashi Kawamata, Lawrence Weiner, um nur einige zu erwähnen. Auf diese Weise kann der Gast einen Crashkurs in zeitgenössischer Kunst innen starten, um sich anschließend Natur und Kunst glei- chermaßen zu „erwandern“. Der Parcours beginnt direkt vor dem Hotel mit dem „Skyspace Piz Uter“. Vom Zylinderturm des ameri- kanischen Lichtkünstlers James Turrell aus kann man den Himmel wie in einem Brennglas beobachten. Ein anderes Highlight, Martin Kippenbergers surreales Readymade eines transportablen U-Bahn- Eingangs, liegt drei Kilometer entfernt am Bahnhof Madulain.

Ein legendäres Werk, die 50 mal 10 Meter große Installation „The 2000 Sculpture“ des Minimalisten Walter De Maria, sollte ei- gentlich auch hier sein, doch Bechtlers erhielten keine Baugeneh- migung. „Jetzt haben wir in Uster eine Halle für das einzigartige Werk gebaut.“ In der Kleinstadt bei Zürich, dem Sitz der Familien- holding Hesta, entwickelten Thomas und Ruedi Bechtler den Zell- weger Park als öffentlichen Skulpturenpark der Superlative. Mit

Arbeiten wie dem Moosfelsen von Fischli/Weiss aus fünf Meter ho- hen Tuffsteinen ist er das Glanzstück eines Areals, das Architektur, Kunst und Natur, Wohnen und Arbeiten verbindet. Exemplarisch: ein achtstöckiger Wohnturm von Herzog & de Meuron am idylli- schen Herterweiher, den Cristina Bechtler realisierte. „Es war mein Traum, mit Jacques und Pierre zu arbeiten.“

Sammelt sie Kunst zusammen mit ihrem Mann? „Ja, da haben wir eine große Kongruenz. Aber jeder hat auch seine eigenen Lieb- linge. Wir schätzen beide Kunst mit ethisch-moralischer Haltung, die zugleich den Nerv der Zeit trifft.“ Zu ihren Favoriten zählen die sozialkritischen Werke des subversiv-politischen Thomas Hirsch- horn und die Arbeiten von Julian Charrière, der untersucht, wie Bilder unser Verhältnis zu Kultur und Natur prägen. Eine große Glasskulptur der amerikanischen Künstlerin Sarah Morris hat sie unlängst dem Kunsthaus Zürich geschenkt – in Erinnerung an ihre Tochter Johanna, die bei einem tragischen Unfall starb.

Engagement für Gesellschaft, Umwelt, Natur und Kultur ist Cris- tina Bechtler ein Herzensanliegen. Unermüdlich setzt sie sich als Co-Vorsitzende des Human Rights Watch Komitees Zürich, das ihr Mann 2006 gründete, für das globale Netzwerk ein. Sie beschreibt sich selbst als eine „Menschenrechtlerin und Mäzenin“. Sie sagt: „I am an enabler, not a follower.“ Sie sagt das auf Englisch, denn was es ausdrückt, gibt es so im Deutschen nicht. Und das ist sie in der Tat, eine „Ermöglicherin“.

Text: Eva Karcher

Fotos: Maurice Haas

CRISTINA BECHTLER

Die Schweizerin hat den Kunstverlag Ink Tree Editions gegründet, der Bücher, Portfolios und Sondereditionen für Gegenwartskunst veröf- fentlicht. Sie engagiert sich im MoMA Interna- tional Council sowie als Gründungsmitglied für Human Rights Watch Zürich. Ihr Mann Thomas Bechtler ist Vizepräsident des Verwaltungsrats der Hesta AG. Zum E.A.T.- Jubiläum erscheint die Anthologie „Thinking in Thin Air“; der nächste Event „Cultureholic – Art, Shopping and Entertainment in the Digital Age“ findet während des Züricher Kunstwochenendes am 13. und 14. Juni statt.


Wir wollen Substanz.

Unser Hochtal ist

nicht nur High Society

und Wintersport

Cristina Bechtler

Wir schätzen Kunst mit einer

ethisch-moralischen Haltung, die zugleich den Nerv der Zeit trifft



CRISTINA BECHTLER