INTERVIEW / LOLA NASHASHIBI GRACE

Werte / N° 23

„Ich folge

meinem

Herzen,

nicht einem

Gewinn-

streben“

Von der Schweiz aus unterstützt die Finanzexpertin LOLA NASHASHIBI GRACE die Ausbildung von Frauen und Kindern in Krisengebieten des Nahen Ostens

Lola Nashashibi Grace versteht sich als „Venture Philanthropist“, als eine „Unternehmerin für das Gute“. Für WERTE wurde sie von Carla Fuentes gemalt

TEXT: Eva Karcher

ILLUSTRATIONEN: Carla Fuentes

Mrs. Grace, 2005 gründeten Sie in den USA Ihre Stiftung

Middle East Children’s Institute, kurz MECI. Bis dahin hatten Sie als Investment- Bankerin an der Wall Street gearbeitet

und anschließend 15 Jahre als Geschäftsführerin der Sterling Grace Capital Management, heute Sterling Grace Corporation, der Investmentgruppe Ihres Mannes John Grace. Was war der Grund für Ihre Hinwendung zur Wohltätigkeit?

Sie ist tief in meiner Biographie verwurzelt. Ich wuchs in Brasilien, Venezuela und Costa Rica auf und begleitete meine Mutter, die sich ihr Leben lang gemeinnützig und zivilrechtlich engagierte. Sie, die den am meisten Benachteiligten half, war meine größte Inspirati- on. Ich entstamme einer alten palästinensischen Familie mit Wur- zeln, die 700 Jahre zurückreichen. Mein Vater ist in Jerusalem ge- boren und aufgewachsen, bevor er nach Saudi-Arabien und dann nach Südamerika flüchtete, wo er meine Mutter traf. Das Credo meiner Familie lautet: Du kannst alles verlieren – dein Land, dein Vermögen, sogar deine Nationalität. Aber niemand kann dir deine Bildung und deine Werte nehmen. Das hat mich zu der gemacht, die ich heute bin.


Doch zunächst folgte eine Karriere an der Wall Street?

Ja. Nach meinem Studium der Ökonomie und einem MBA-Ab- schluss an der Stanford University in Kalifornien begann ich bei Morgan Stanley in New York als Investment-Bankerin in der Un- ternehmensfinanzierung zu arbeiten. Nachdem ich geheiratet hat- te, war ich im Family Office meines Mannes in der Vermögensver- waltung tätig. Nach und nach wurden unsere fünf Kinder geboren – Lorraine, Victoria, John, Alice und Isabel. Neben meiner Arbeit im Investmentgeschäft habe ich mich immer schon für wohltätige und soziale Anliegen engagiert. Kurz nach der Geburt meiner Jüngsten passierte 9/11. Damals veränderte sich mein Leben grundlegend.


Wie?

Ich hatte Familie in den Staaten und im Nahen Osten. Die zuneh- mende Gewalt, die wachsende Angst und die Missverständnisse, mit denen wir global konfrontiert waren, schockierten mich. Und die herzzerreißendsten Opfer waren und sind immer und überall die Kinder! Das wurde mir in der ganzen Tragweite noch einmal klar, als ich in Washington von der Organisation Save the Children für ein Projekt engagiert wurde, das die Auswirkungen von NGOs, Entwicklungshilfe und US-Außenpolitik auf den humanitären Raum untersuchen sollte. MECI, The Middle East Children’s Insti- tute, wurde meine Antwort darauf.


Wie gingen Sie vor?

Mein Ansatz war ein holistischer. Während sich die meisten der vergleichbaren Projekte einem spezifischen Problem widmen, woll- te ich eine ganzheitliche Lösung finden und ein Programm aufbau- en, das sich auf drei Pfeiler stützt: die psychosoziale Heilung, Ge- sundheit und Erziehung von Kindern, die Opfer von Gewalt, Armut und anderen Konflikten geworden waren. Die Stärkung und Unter- stützung der Frauen und die nachhaltige Entwicklung der Dorfge- meinschaften. Unser Projekt macht erfolgreich, dass wir von den Bedürfnissen der Menschen vor Ort ausgehen und die Frauen der Dörfer als Agenten des Wandels einbinden. Ein Jahr recherchierten wir mit einem Team an der Columbia University, um genau zu ver- stehen, was ein palästinensisches Kind braucht. Wir bezogen Felder ein wie Gesundheit, Erziehung, die psychosoziale Kondition oder Ökonomie. Sie müssen sich vergegenwärtigen, dass sich damals, 2005, 2006, kaum jemand um das Schicksal der dortigen Bewohner kümmerte.


Welche Situation erlebten Sie?

Die Kinder waren oft mangelernährt und gingen nicht in die Schu- le, weil sie den arbeitslosen Eltern zu Hause helfen sollten. Also kümmerten wir uns zunächst um die existenzbedrohenden Proble- me. In Partnerschaft mit einer lokalen Organisation erhielten die Frauen von uns Kleinkredite und Training in der Verwaltung des

Geldes. So bauten wir mit ihnen zusammen einen Catering-Service auf, damit die Kinder Mahlzeiten mit allen wichtigen Nährstoffen bekamen. In Partnerschaft mit dem Erziehungsministerium organi- sierten wir mit Verhaltenstherapeuten und Erziehern ein Nach-Un- terrichts-Programm mit Kursen in Kunst, Musik und Sport; nicht zuletzt, um einen sicheren Ort für die Kinder zu schaffen.


Tochter Lorraine meldet sich in der Videokonferenz zu Wort:


Ich war 16 Jahre alt, als ich mit meiner Mutter zum ersten Mal in den Nahen Osten fuhr. Diese Erfahrung hat mein weiteres Leben geprägt. Wenige Jahre später habe ich die My World Project Charity gegründet, um Kindern in den verschiedensten Regionen mit Foto- kursen vor Ort ein Mittel zu geben, sich kreativ auszudrücken und so Konflikte eher zu bewältigen. Später studierte ich selbst Kunst und Fotografie. Kunst ist therapeutisch, genauso wie Musik und Sport.


Lorraine, engagieren Sie sich auch philanthropisch?

Wie jeder in unserer Familie! Auch für mich ist Philanthropie weit mehr als eine Geldspende. Ich bringe meine Zeit, mein Netzwerk, mein Wissen und meine Leidenschaft ein. Darüber hinaus arbeite ich ebenfalls in der Vermögensverwaltung, wo ich dafür zuständig bin, Methoden für sozialverantwortliche Investments zu entwickeln.

LOLA NASHASHIBI GRACE

Nach Jahren im Investment-Banking grün- dete die palästinensisch-amerikanische Finanzexpertin 2005 die Stiftung Middle East Children’s Institute (MECI) für Frauen und Kinder in Krisengebieten des Nahen Ostens. Heute finanziert sie zusammen mit Partnern 54 Schulen in Jordanien und Pa- lästina. Auch ihr Mann und die fünf Kinder engagieren sich für mehr Menschlichkeit.

millionchildren.org

Was unsere Welt am dringendsten

braucht, sind Leidenschaft, Empathie, Mitgefühl, Einsatz und Durchhaltevermögen

Lola Nashashibi Grace