PORTRÄT / KARA WALKER

Werte / N° 23

Fons Americanus, 2019;

Tate Modern, London

The Marvelous Sugar Baby;

Domino Sugar Refining Plant, 2014

Another

Ancestor, 2010

Graphite and

pastel on paper

182.9 × 205.7 cm

Shifty Shape Shifter, 2016

Cut paper on paper

96.5 × 127 cm

Yesterdayness in America Today, 2020

Diptych; Graphite

and watercolour on paper

Untitled, 2004

Cut paper on paper

78.7 × 52.1 cm

© Kara Walker; Courtesy Sprüth Magers and Sikkema Jenkins & Co

„Was auch immer ich

tue, es ist politisch“

Mutig, radikal, konsequent: Die weltberühmte amerikanische Künstlerin KARA WALKER

führt dem Betrachter mit ihren Scherenschnitt- Panoramen und Skulpturen die eigenen

Vorurteile vor Augen

D

ie US-Künstlerin Kara Elizabeth Walker stand im Jahr 2014 vor der größten Herausforderung ihrer bis dahin bereits international erfolgreichen Karriere. Im Auftrag

von Creative Time, einer Organisation, die seit vier Jahrzehnten Projekte mit etablierten Künstlern im öffentlichen Raum realisiert, sollte sie eine monumentale Arbeit für die Domino Sugar Refinery am New Yorker East River im Stadtteil Williamsburg entwerfen.

Mit ihrer ersten Skulptur gelang Walker ein Blockbuster-Ereig- nis. 23 Meter lang, elf Meter hoch und von über 200 Mitarbeiterin- nen und Mitarbeitern installiert, thronte eine kolossale weibliche Sphinx aus Polystyrolschaum, beschichtet mit 80 Tonnen feinwei- ßer Zuckerkörnchen, im Zentrum einer der Hallen. Das Gesicht der Sphinx mit über der Stirn geknotetem Kopftuch trug die Züge von „Tante Jemima“, einerseits Stereotyp einer als Karikatur dargestell- ten schwarzen „Mammy“, einer Köchin oder Dienerin, andererseits Anspielung auf die bis heute erfolgreiche Marke „Aunt Jemima“ für Pfannkuchen-Mischungen und Sirup. Der zähflüssige, tiefdunkle, süßlich riechende Sirup, der in der Raffinerie wie Pech an Wänden und Säulen klebte, habe bei ihr „Assoziationen an den Sklavenhan- del“ geweckt, erklärte die Künstlerin damals. „Zucker ist wie Baumwolle so allgegenwärtig, dass sich die Leute kaum vergegen- wärtigen, wie diese Produkte hergestellt werden.“ Eben vielfach durch Ausbeutung, Erniedrigung, Misshandlung oder andere men- schenverachtende Schikanen. Genau um diese Themen, um die Ba- lance der Machtverhältnisse und ihre zahllosen Entgleisungen in Gewalt kreist Kara Walkers Arbeit seit Beginn ihrer Karriere.

Zuvor hatte sie in großen Dimensionen gearbeitet, allerdings zweidimensional, nicht plastisch. Bereits ihre erste Ausstellung 1994 am Drawing Center in New York, kurz nachdem sie das Studi- um an der Rhode Island School of Design beendet hatte, machte sie zum Shooting Star. Auf einer 15 Meter langen weißen Wand entfal- tete sie ein Panorama aus Schattenrissen in der folkloristischen Technik von Scherenschnitten des 19. Jahrhunderts. „Ich entschied mich gegen eine Malerei, weil ich sie zu sehr im traditionellen pa- triarchalen Modernismus verhaftet fand. Stattdessen suchte ich nach einem Medium, das mich besser verstehen ließ, was es nicht nur aktuell, sondern auch historisch bedeutet, einen schwarzen Körper zu haben.“ Sie fand es im viktorianischen Kunsthandwerk, das damals den Ruf einer „weiblichen Fertigkeit zweiter Klasse“ hatte.

Genau in diesem mit Vorurteilen behafteten Genre ging Walker zur Sache. Für den flüchtigen Blick komponierte sie von nun an scheinbar poesiealbum-würdige Idyllen, zum Beispiel eines tur- telnden Paares: Bei näherer Betrachtung geht es jedoch um die übergriffige Aktion eines weißen Mannes gegenüber einer schwar- zen Sklavin. Oder eine Mutter scheint ihr Kind zum Spielen zu sich rufen zu wollen, während es jedoch vom weißen „Master“ brutal geschlagen wird. Die Skala der Grausamkeiten, die Walker so – schwarz auf weiß oder umgekehrt – als wandfüllende Friese, Pan- oramen oder Cycloramen, also Rundbilder, inszeniert, entspricht dem entsetzlichen Repertoire des Sklavenhandels in den US-Süd- staaten vom späten 18. Jahrhundert bis zum Beginn des amerikani- schen Bürgerkriegs 1861.

Kara Walker benutzt die Gattung Scherenschnitt, die mit ihrer

die Figuren-Silhouetten verniedlichenden Manier nur Klischeebil- der einer scheinbar heilen Welt und Gesellschaft produzieren kann, und führt dem Betrachter auf diese Weise seine eigene, in rassisti- schen Mustern gefangene Sicht vor Augen – oder umgekehrt den Grad an Empathie, den er vor solchen zutiefst verstörenden und berührenden Tableaus damals wie heute institutionalisierter, sys- temischer Diskriminierung empfindet. Brillant und präzise fügt Kara Walker Gräuel an Gräuel, ohne je illustrativ, narrativ oder gar plakativ zu werden. Stattdessen wirken diese manchmal mit farbi- gen Lichtprojektionen kombinierten Zyklen eher wie unermüdliche Manifeste von Dämonenaustreibung. In ihrer Gesamtheit machen sie sichtbar, wie Klischees, Vorurteile, Gewalt perpetuiert werden – jedoch ohne anzuklagen. Sie gehen direkt unter die Haut und kön- nen so am ehesten erstarrte Wahrnehmungshorizonte durchbrechen.

Zu verstehen sind die Schattenriss-Serien, die die Deutsche Bank schon 2002 in ihrer Ausstellungshalle in Berlin vorstellte, nur vor dem Hintergrund eines höchst vielschichtigen zeichnerischen Werks. Ihm ist zum Beispiel in den Hochhäusern der Deutschen Bank in Frankfurt eine ganze Etage gewidmet, und zum ersten Mal soll es nun in einer Ausstellungstournee gezeigt werden. Walkers Werk besteht aus unzähligen Skizzen, Studien, Collagen, Schriftbil- dern, Tagebuchnotizen, auf Schreibmaschine getippten Reflexio- nen, Arbeiten mit Tusche, Graphit, Aquarell oder Gouache. Kara Walker zeichnet schnell und impulsiv, dabei virtuos, und mit einem pointiert spöttischen Witz, der an den französischen Maler und Grafiker Honoré Daumier erinnert, eines ihrer Vorbilder neben dem Spanier Francisco de Goya und dem Belgier James Ensor. „Zeichnen ist intim“, sagt Walker, die auch das Archiv ihrer Quellen aus Zeitungsausschnitten, Postkarten, satirischen Cartoons und Werbematerial erstmals öffentlich zeigt. „Es ist eine Unterhaltung mit mir selbst, mit dem, was in meinem Innern brodelt, eine Selbstvergewisserung meiner Existenz.“

Schon als Kind begann die Tochter einer Sekretärin und eines Kunstprofessors zu zeichnen. 1983 wurde ihr Vater Larry Walker zum Lehrstuhlinhaber der kunsthistorischen Fakultät an der

Georgia State University in Atlanta berufen, und Kara landete

20 Jahre nach dem Ende der Rassentrennung in Stone Mountain, einer einstigen Hochburg des Ku Klux Klan. Heute hat Kara Walker, die 2019 als erste afroamerikanische Künstlerin eine vom südko- reanischen Autohersteller Hyundai finanzierte Auftragsarbeit in der Turbinenhalle der Londoner Tate Modern realisierte, fast alles erreicht. „Das war der große Preis“, erinnert sie sich. „Fons Ameri- canus“ ist eine 13 Meter hohe Brunnenskulptur im Barockstil und das postkoloniale Gegenstück zum Victoria Memorial, dem Denk- mal aus dem Jahr 1911 vor dem Buckingham Palace, das dem briti- schen Kolonialreich huldigt. Dieses Werk von Walker erzählt die Geschichte des transatlantischen Sklavenhandels und stellt die eu- ropäische Erinnerungskultur in Frage. Statt des goldenen Engels balanciert eine afrobrasilianische Venus an der Spitze, aus deren Brüsten Wasserfontänen in ein Bassin sprudeln – Wasser, das die Kontinente Amerika, Afrika und Europa so schicksalhaft verbindet. Ein Publikums-Blockbuster wie „Sugar Baby“ in New York, war auch „Fons Americanus“ ein temporäres Werk, eine „Hommage

an die Ausgebeuteten und Misshandelten aller Zeiten und Welten“, wie es die Künstlerin formuliert. „Was auch immer ich tue, es

ist politisch.“

TEXT: Eva Karcher

ILLUSTRATION: Carla Fuentes

Zeichnen

ist eine Unterhaltung mit mir selbst

KARA WALKER

Die Künstlerin Kara

Walker in ihrem Studio,

für WERTE von der

Spanierin Carla Fuentes gemalt

KARA WALKER

Kara Walker, geboren 1969 im kaliforni- schen Stockton, ist eine der bedeutendsten Künstlerinnen ihrer Generation. In einer für 2021 geplanten Ausstellungstournee präsentiert sie ihr zeichnerisches Werk:

„A Black Hole Is Everything a Star Longs

to Be“ soll im Kunstmuseum Basel (5. 6.

bis 19. 9.) beginnen und wandert danach

in die Schirn Kunsthalle Frankfurt (15. 10. bis 16. 1. 2022) und ins De Pont Museum Tilburg. Zudem realisiert Walker in der Kunst-Station Sankt Peter Köln eine

Arbeit für das Projekt „Replace Rubens“

(ab 8. 6.).

karawalkerstudio.com

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