Porträt / Michaela Noll

Werte / N°24

Deutsch-

chinesische

Freundschaft

Ein neuartiges Verfahren der Zellbiologin Michaela Noll verspricht Patient*innen mit Knorpelschäden schnelle Heilung. Ihr deutsches Start-up wächst mit Hilfe der chinesischen Investorin Yin Weiming

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Karsten Lemm


ILLUSTRATION

Paula Sanz Caballero

E

Ein unglücklicher Aufprall, schon war es geschehen. Ein Split- terbruch an der linken Hand machte Michaela Noll unverhofft zur Patientin ihrer eigenen Firma Meidrix, die eine weltweit einzigarti- ge Behandlungsmethode für Knorpelschäden in Gelenken entwi- ckelt hat.

„Schwere Dinge habe ich immer mit links gemacht“, berichtet die promovierte Zellbiologin, „und wenn Sie dann plötzlich bei je- der Bewegung Schmerzen haben, nimmt Ihnen das enorm viel an Lebensqualität.“ Wenige Wochen nach dem Unfall aber kann sie die Hand wieder nutzen, fast wie gewohnt – ein Umstand, den die 60-Jährige auch der neuartigen Therapie zuschreibt, die sie genos- sen hat.

Um dem Körper die Chance zu geben, Knorpelschäden so gut wie möglich selbst zu reparieren, wird dazu ein Gel aus Kollagen in das betroffene Gelenk injiziert. Als das am häufigsten im menschli- chen Körper vorhandene Protein, das im Bindegewebe, der Haut, den Knochen und Sehnen vorkommt und wichtige stützende und funktionale Aufgaben hat, fördert Kollagen die natürliche Regene- ration des Körpers. „Es wird sehr gut vertragen“, erklärt Noll. „Wir haben jetzt 12.000 Implantate weltweit verarbeitet und keine aller- gischen Reaktionen oder andere negative Vorkommnisse beobachtet.“

Unter dem Namen ChondroFiller bietet die Firma aus Esslingen ihr innovatives Medizinprodukt bisher in gut 20 Ländern an, vor- wiegend in Europa, Indien und Lateinamerika. China und die USA sollen folgen, sobald die Behörden dort das erlauben. Jedes Land hat eigene Regeln und Zulassungsverfahren. „In China haben wir die ersten Operationen erfolgreich absolviert“, berichtet Noll. Möglich machten das Sondergenehmigungen in bestimmten Pilot- Zonen. „So haben wir dort schon den Einstieg geschafft. Wir sind natürlich sehr optimistisch“, sagt die Meidrix-Chefin, „denn das ist ein Riesenmarkt, und wir sind jetzt dort die wissenschaftlichen Pioniere.“

Ihren Ursprung hat die innovative Behandlungsmethode am Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik (IGB) in Stuttgart. Über Jahre hinweg forschte Michaela Noll dort an der Seite ihres Mannes Thomas Graeve an der Heilung von Bin- degewebsverletzungen mit Hilfe von Kollagen. 2009 entstand dar- aus die Firma Amedrix, die anfangs ein festes Gelpad entwickelte, bevor die Wissenschaftler sich auf ein zunächst flüssiges Implantat konzentrierten.

„Wir arbeiten jetzt mit einer Zweikammerspritze, vergleichbar mit zwei Komponenten“, erklärt Noll. „Das hat den Vorteil, dass sich das Implantat individuell an alle Patient*innen anpassen kann.“ Das patentierte Verfahren verschaffte der Firma internatio- nal Anerkennung, Studien bestätigten die Vorteile gegenüber bis- herigen Behandlungsmethoden.

Im Jahr 2017 verstarb Thomas Graeve, Amedrix rutschte in die Insolvenz. Michaela Noll machte sich trotz des Schicksalsschlags auf die Suche nach Investoren und kam in Kontakt mit Yin Wei- ming und Sun Yi, die sofort an das Potenzial der Heilmethode glaubten. Die Investoren aus China stiegen als Mehrheitsgesell- schafter ein und ermöglichten der deutschen Firma den Neustart unter dem geänderten Namen Meidrix.

„Sie haben das als große Chance erkannt, auch für den asiati- schen Markt“, sagt Noll. Schließlich gehören Knorpelschäden zu den häufigsten Erkrankungen überhaupt. Allein in Deutschland betreffen sie Jahr für Jahr etwa fünf Millionen Menschen. Die Be- handlung mit der Kollagenspritze könnte vielen Menschen helfen, solange der Schaden noch nicht zu groß ist. Gesetzliche Kranken- kassen in Deutschland übernehmen mittlerweile oft die neuartige Therapie. Um sich durchzusetzen, brauche die Methode aber vor allem Zeit, weiß Noll. „Es ist noch ein relativ neues Verfahren, und so schnell ändern sich Strukturen in den Kliniken leider nicht.“

Je mehr sich der Trend zur regenerativen Medizin durchsetzt, umso besser stehen auch die Chancen für Meidrix, wirtschaftlich zu wachsen und zugleich Patient*innen in aller Welt Gutes zu tun. „Wenn man dem Knorpel frühzeitig eine Möglichkeit zur Regene- ration gibt, dann kann man Schlimmeres verhindern“, sagt Noll. „Und es ist ein wirklicher Gewinn, wenn Sie Ihre Beweglichkeit zurückbekommen.“ Sie selbst konnte ihre Stützbandage bald nach dem Sturz ablegen. Zumindest fürs Arbeiten am Schreibtisch war ihr Handgelenk da schon wieder flexibel einsatzbereit.

Dr. Michaela Noll

Knorpelschäden in Gelenken sind schwer behandelbar. Die Kollagen-Therapie von meidrix biomedicals – ursprünglich am Fraunhofer-Institut in Stuttgart entwickelt – gilt als weltweit einzigartig. Dank chinesi- scher Investoren besitzt die Esslinger Firma mit ihren derzeit sieben Mitarbeiter*innen nun das notwendige Kapital zum Expandie- ren. Weltweit laufen Anträge auf die Zulas- sung als Medizinprodukt. In Deutschland erstatten einige Krankenkassen bereits die

Kosten für Behandlungen mit dem von Mi- chaela Noll und ihrem 2017 verstorbenen Mann Thomas Graeve entwickelten Chon- dro-Filler.

meidrix.de

„Wir sind jetzt in China die wissenschaftlichen Pioniere in einem Riesenmarkt“

Michaela Noll

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