Report WIRTSCHAFT IM WANDEL

Werte / N° 21

Im

Wandel

steckt

die Kraft

Führende Ökonomen warnen:

Wer die TRANSFORMATION

der Gesellschaft heute ignoriert,

dem ergeht es langfristig wie

den Dinosauriern. Wer in Zeiten

von Digitalisierung und Klimawandel eine Zukunft haben will, der muss sich verändern und seinem Handeln einen gesellschaftlich relevanten

Sinn geben

GESELLSCHAFT

Partnerschaftliche Zusammenarbeit, Gerechtigkeit, Glaubwürdigkeit, Wachstum: Die moderne Gesellschaft steht vor enormen Herausforderungen

W

enn ein Konzernchef von Dinosauriern spricht, ist die Botschaft klar. Alt, riesig, unflexibel und der Zeit nicht mehr gewachsen. So möchte kein Manager sein Unter-

nehmen präsentieren. Es war Siemens-CEO Joe Kaeser, der das Bild vom Dino als Warnung für seinen Konzern wählte. Es ist eingängig und transportiert die Botschaft einer Zeitenwende – ein epochaler Wandel bedroht Unternehmen heute genauso, wie er einst die Sau- rier auslöschte.

Die Urtiere waren einem gewaltigen Transformationsprozess nicht gewachsen. Unternehmen müssen sich heute auf gleich meh- rere Umbrüche einstellen: Vor allem der Klimawandel und die Di- gitalisierung verändern die Geschäftswelt. Die Gesellschaft stellt Forderungen an Unternehmen. Sie müssten zugleich radikal digital sein und glaubwürdig das Klima schützen, mit Blick auf alle Folgen ihrer Geschäftsmodelle. Ist dies der Beginn einer neuen Ära wirt- schaftlichen Handelns?

Dass die Erdatmosphäre immer wärmer wird, lässt sich nicht zu- letzt dank der rasant steigenden Leistung vernetzter Rechner mit jeder Sekunde besser erkennen. Die Digitalisierung erreicht jeden Moment unseres Lebens, jeden Winkel unserer Erde. Der „Datais- mus“, so nennt es der US-amerikanische Wirtschaftsjournalist Da- vid Brooks, bestimmt unsere Gegenwart, ebenso die sich abzeich- nende, universelle Klimakatastrophe. Zugleich attackieren Ver- braucher die Wirtschaft: „Der Legitimationszwang für Unterneh- men wächst im Zuge unserer ökologischen Krisen“, erklärt Uwe Schneidewind, wissenschaftlicher Geschäftsführer des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie, „die Gesellschaft fordert Ver- antwortung ein.“ Die Gesellschaft ächtet, was sie auf Dauer gefähr- det. Doch zugleich ist der Absatz von Waren und Dienstleistungen nicht im Niedergang. Man denke nur an Smartphones, die bei Fri- days-for-Future-Demos zu sehen sind, an die Streaming-Dienste, auf denen Datenmengen und Konsumanreize exponentiell wach- sen. Eine andere Form der Wirtschaft wäre längst möglich, sagt der Ökonom Günter Faltin, einer der angesehensten Professoren für „Entrepreneurship“ in Deutschland. Und sie ist notwendig, so seine Überzeugung. „Die Konzentration auf kurzfristige Gewinn- maximierung muss überwunden werden. Sonst werden wir eine Rebellion hervorrufen.“ Tatsächlich üben Aktivisten inzwischen

stetigen Druck auf Konzerne aus. Mittlerweile geht es auf Jahres- hauptversammlungen immer öfter um die ökologischen Folgen von Produktion und Warentransport. Und die Investoren reagieren. Günter Faltin, der mit seiner „Teekampagne“ den weltgrößten Dar- jeeling-Importeur und zugleich ein transparentes, ökologisches Geschäftsmodell schuf, fordert: „Wir müssen uns trauen, über den Profit hinauszudenken, und Ökologie zum ausdrücklichen Teil un- serer Geschäftsmodelle machen.“

Die Erfahrung lehrt Skepsis, ob derartige Ideen die Wirtschaft beeinflussen. Ein Umbau ist allerdings im Gange. Michael Böhmer, Chief Economist der Wirtschaftsforschung und -beratung Prognos, hat keinen Zweifel: „Der Klimawandel wird zu einer gewaltigen Transformation der Volkswirtschaften führen.“ Auch wenn Ver- brennungsmotoren und Kohle heute noch Thema harter Auseinan- dersetzungen sind, im Grunde erkenne ein Sektor nach dem ande- ren, dass der Wandel nötig ist, erklärt Böhmer. Noch könnten Au- tokonzerne den Markt mit einer großen Zahl von Luxus-SUV be- dienen. Doch das werde sich ändern, so der Forscher, wenn die EU- Regeln greifen. Strafen und Regulierung wirken auf die Wirtschaft und erhalten auch bei manchen Unternehmern Zuspruch. Der Fa- milienunternehmer Jürgen Heraeus etwa fordert CO2-Preise, die die Betriebe zu Innovationen in Klimafragen zwingen.

Das bedeute keineswegs, dass im Wettbewerb stehende Unter- nehmen Betriebskosten steigern, um das Klima zu retten. Vieles, was klimafreundlicher ist – Videokonferenzen statt Reisen etwa –, wird über den attraktiveren Preis entschieden, der nicht nur von digitaler Technik, sondern auch von Regulierung und Steuerpolitik abhängt. Manche gehen auch aus eigenen Stücken mit gutem Bei- spiel voran. Microsoft kündigte beispielsweise einen negativen CO2-Abdruck bis 2030 an. Bosch will schon in diesem Jahr klima- neutral sein. „Die Ausstiegsziele der Wirtschaft sind sehr viel am- bitionierter als die der Politik“, bestätigt Klima-Ökonom Schneide- wind vom Wuppertal Institut.

Manchen fällt es einfacher, in die Vorreiterrolle zu schlüpfen und eine „Sustainability 3.0“ zu entwickeln, bei der auch die gesell- schaftlichen und ökologischen Folgen des eigenen Wirtschaftens zum Teil der Strategie werden. Die Gesellschafter eines Unterneh- mens spielen eine wichtige Rolle, sagt Schneidewind, eine interna- tionale Aktiengesellschaft stehe unter anderem Druck renditege- triebener Anleger als ein familiengeführtes KMU. Doch mehr und mehr werde auch der Risiko-Aspekt die CEOs börsennotierter Gi- ganten beeinflussen. „Wer beim Klimawandel nicht mitzieht, dem droht eine massive Entwertung seiner Assets“, sagt Uwe Schneidewind.

Prognos-Ökonom Michael Böhmer analysiert: Ein geordnetes, ernsthaftes Umsteuern auf Klimaneutralität bringe der deutschen Volkswirtschaft enorme Chancen am Exportmarkt. Die Industrie habe dafür die nötigen Voraussetzungen und Kompetenzen. „Unter den Bedingungen einer konsequenten Klimaschutzpolitik lässt sich sogar ein etwas stärkeres Wirtschaftswachstum erreichen“, sagt Böhmer. Doch dafür müsse jetzt investiert werden, um die Folgen des Klimawandels abzumildern. Auf zwei bis drei Prozent der jähr- lichen Wirtschaftsleistung beziffert Prognos den Investitionsbe- darf in Deutschland bis 2050.

Der klimagerechte Umbau von Wirtschaft und Unternehmen hat als Investitionsprojekt strategische Priorität. Das gilt ebenso für die Digitalisierung. Den Überblick zu behalten, die Aufmerksam- keitsökonomie zu wahren, ist kein Selbstläufer. Dass es einen Zu- sammenhang zwischen beiden Phänomenen gibt, dass die Digitali- sierung für das Erreichen oder Verfehlen von Klimazielen eine Schlüsselrolle spielt, betont Irene Bertschek, Leiterin des For- schungsbereichs Digitale Ökonomie am Leibniz-Zentrum für Euro- päische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim. Der Industrie- standort Deutschland habe ein Problem mit dem Umschwung, viele

Branchen täten sich weiter schwer, Digitalisierung entschlossen anzugehen. „Viele fokussieren zu sehr auf konkrete technische Prozesse, die sie effizienter machen wollen – nur wenige hinterfra- gen ihr gesamtes Geschäftsmodell im Zuge der Digitalisierung“, be- obachtet die Ökonomin, die als Mitglied der Expertenkommission Forschung und Innovation die Bundesregierung berät. „Es ist ganz sicher immer eine ratsame unternehmerische Strategie, sich gründlich mit den Potenzialen der Digitalisierung auseinanderzusetzen.“

Aber wie wird ein Unternehmen digital? „Wer digital erfolgreich sein möchte, muss weiterdenken, nicht nur seine Prozesse digitali- sieren und sein Kernprodukt online anbieten“, sagt Irene Bert- schek. Immer wieder gehe es um den Nutzen, nicht mehr um ein- zelne Produkte oder Dienstleistungen. Es gehe nicht mehr nur um das Auto, sondern um Mobilität. Plötzlich gehe es um das Besetzen von Schnittstellen, das Schaffen von Plattformen. Dirk Baecker ist Soziologe an der Universität Witten/Herdecke, er forscht zum Wandel von Unternehmensführung. Die Digitalisierung habe einen Wettbewerb ausgelöst. Niemand wolle hinterherhinken, alle woll- ten am Puls der Zeit sein, sagt der Systemtheoretiker. Doch dabei geraten dann die neuen Methoden zu Postulaten, egal ob sie im Einzelfall passen: „Agile Methoden passen natürlich nicht in jede Abteilung, werden aber dennoch oft überall vorangetrieben.“ Sol- ches Vorgehen kann bei den Mitarbeitern viel Vertrauen in neue Managementmethoden zerstören. Führung im digitalen Zeitalter sei im Wesentlichen „Führung von außen“, nicht von oben. Dazu müsse die Führung den Betrieb aber erst befähigen. „Je länger Un- ternehmen erfolgreich waren, desto weniger wissen sie noch um die Voraussetzungen für ihren Erfolg“, sagt Baecker. Im Digitalzeit- alter gilt es, diese Basis von Grund auf neu zu analysieren – und

Abhängigkeiten neu zu bewerten. Man müsse aber auch erst die Organisation fit machen. „Wir sehen mangelhafte Investitionen in Prozesse, Strukturen und vor allem Köpfe“, sagt Michael Böhmer von Prognos. „Wer bestehen will, sollte für jeden Euro in Technik zehn Euro in die Organisation investieren.“ Dabei gehe es nicht so sehr um attraktive Gehälter, sondern um die Befähigung der Be- schäftigten für das digitale Zeitalter. Hochqualifizierte Mitarbeiter zu gewinnen und zu halten, ist eine zentrale Herausforderung – vor allem in Hinblick auf den demographischen Wandel. „Arbeits- und Privatleben werden weitgehend transformiert“, sagt die Unter- nehmerin und Professorin Anabel Ternès von Hattburg. Hier müs- sen Unternehmen kompetent sein und Freiräume zulassen. „Sie sollten nicht nur möglichst genau mit Datenanalyse die Kunden- wünsche vorherzusagen wissen, sondern vor allem den Mut haben, mit Querdenkern und kreativen Köpfen Neues zu entwickeln.“

In manchen Unternehmen wirkt zudem eine weitere Triebfeder: „Purpose“ (Sinn) wird für immer mehr Menschen wichtig, sind Ex- perten überzeugt – und das dürfte auch für den Erfolg sowohl in der digitalen als auch in der Klima-Transformation bedeutsam werden. Unter den Vorzeichen des Klimawandels will so mancher Mitarbeiter etwa nicht mehr nur den nächsten Luxuswagen her- stellen und vermarkten – sondern an einer Mobilitätsplattform arbeiten, die den Ressourceneinsatz und Emissionen verringert. „Es geht“, sagt Uwe Schneidewind vom Wuppertal Institut, „um ein neues Besinnen auf das, wofür Wirtschaft eigentlich da ist.“ Folgt man dieser Hypothese, dann werden Unternehmen ihr Personal in Zukunft nur halten, wenn sie nicht allein Profit erwirtschaften, sondern auch Sinn stiften. Oder, wie es Anabel Ternès von Hatt- burg sagt: „Unternehmen werden es schwer haben, in Zukunft er- folgreich zu sein, wenn sie die Fragen der ökologischen, ökonomi- schen und gesellschaftlichen Verantwortung nicht ernst nehmen.“

Text: Tim Farin

Illustrationen: Julien Pacaud

WIRTSCHAFT

Die Digitalisierung macht vor keinem Lebensbereich halt, es gibt keine Branche, die sich nicht früher oder später verändern und modernisieren muss

Der Legitimationszwang für Unternehmen wächst im

Zuge unserer

ökologischen Krisen

UWE SCHNEIDEWIND,

Wuppertal Institut

POLITIK

Das alles beherrschende Thema ist der Klimawandel. Er bestimmt das Tempo der Transformation

Mit einer konsequenten Klimaschutzpolitik lässt sich sogar ein etwas stärkeres Wirtschaftswachstum erreichen

DR. MICHAEL BÖHMER,

Prognos

Unternehmer sollten den Mut haben, mit Querdenkern Neues

zu entwickeln

ANABEL TERNÈS VON HATTBURG,

SRH Berlin University