Porträt / katharina harf

Werte / N° 23

Mund

auf!

Ein Wattestäbchen und eine Speichelprobe genügen, um sich als potenzieller Knochenmarkspender zu registrieren. KATHARINA HARF hat die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) international bekanntgemacht

E

igentlich war das so nicht geplant. Katharina Harf war auf dem besten Weg, eine Laufbahn in der Geschäftswelt anzusteuern. College-Abschluss in Harvard, Analystin bei

PricewaterhouseCoopers, bei Hugo Boss reinschnuppern, Manage- ment-Trainee bei Louis Vuitton, danach schaffte sie es ins Executi- ve-Programm an der Columbia University. Nach nur wenigen Vor- lesungen an der renommierten Uni in Manhattan dann der Bruch mit dem Karriereplan. Harf, nach eigenen Worten sehr kompetitiv und keine, die schnell aufgibt, schmiss hin. Die Business School war nicht das Richtige für sie, aber welche Richtung sollte sie einschlagen?

Ihr Vater wusste Rat. Peter Harf, Mitgründer der gemeinnützi- gen Organisation DKMS, die sich dem Kampf gegen Blutkrebs ver- schrieben hat, schlug seiner jüngeren Tochter ein ambitioniertes Projekt vor: Warum nicht in den USA den ersten internationalen Standort der DKMS starten? Ein Drittel der Stammzellentnahmen von DKMS-Spendern aus Deutschland ging damals schon an Blut- krebs-Patienten in Amerika, Katharina Harf sollte nun einen Able- ger aufbauen, mit dem diese besser versorgt würden. Sie würde ihre Praxiserfahrung anwenden können, zudem hatte sie von ih- rem Vater einige Business Skills mit auf den Weg bekommen: Harf senior, ein bekannter deutscher Geschäftsmann, ist Managing Partner der Luxemburger JAB Holding, in der die deutsche Milliar- därsfamilie Reimann ihre Beteiligungen bündelt, und Chairman des börsennotierten Parfüm- und Kosmetikkonzerns Coty. Zuvor war er jahrelang CEO des New Yorker Kosmetikkonzerns, an dem die JAB Holding die Mehrheit hält.

Katharina Harf war 26 und hatte nach eigenem Bekunden keine Ahnung, wie schwierig das Unterfangen sein würde. Aber „die Idee begeisterte mich wie kein Projekt zuvor“, sagt Harf, die auf der sonnenüberfluteten Terrasse ihres Hauses bei Los Angeles sitzt und ihre Geschichte per Videokonferenz erzählt. Sie bekam einen Schreibtisch in der Coty-Zentrale in Manhattan, einen Computer und legte los.

Das war 2004. Heute hat DKMS USA über 1,1 Millionen registrier- te Spender und fast 4500 Spenden vermittelt. Neben den USA und Deutschland ist die DKMS als internationale Organisation mittler- weile auch in Chile, Großbritannien, Indien, Polen, Südafrika aktiv. Mit mehr als 10,5 Millionen registrierten Stammzellspendern ist sie der weltweit größte Dateienverbund bei der Bekämpfung von Blutkrebs.

Die anhaltende Internationalisierung ist notwendig, um mehr Blutkrebspatienten retten zu können: Ausschlaggebend für eine erfolgreiche Spendervermittlung ist laut Harf die Übereinstim- mung der Gewebemerkmale, der sogenannten HLA-Merkmale, die genetisch und regional unterschiedlich sind. Um die Überlebens- chancen von an Blutkrebs erkrankten Menschen zu verbessern, setzt die DKMS deshalb einen großen Fokus darauf, möglichst viele Spender verschiedener ethnischer Herkünfte in ihrer Datenbank zu vereinen. Sie macht die Organisation mit ihren rund 1000 Mit- arbeitenden zur effektiven Lebensretterin, indem sie die weltweite Verbindung von Patienten mit Stammzellspendern ermöglicht. Da höchstens 30 Prozent der Patienten einen geeigneten Spendenden innerhalb der Familie finden, sind die meisten auf Fremdspenden angewiesen. Insgesamt vermittelte die DKMS bis Ende 2020 welt- weit knapp 90 000 lebensrettende Stammzellspenden. Ihr Anteil an den weltweiten Vermittlungen liegt bei rund 38 Prozent.


H

arf ist sowohl geschäftsführende Vorsitzende der DKMS in den USA als auch das Gesicht der Organisation und stellvertretende Vorsitzende des Stiftungsvorstands der

internationalen DKMS, die für Blutkrebspatienten nicht nur einen passenden Spender findet, sondern auch den Zugang zu Therapien ermöglicht und mit einer eigenen Forschung die Weiterentwick- lung von Blutkrebstherapien unterstützt. Harf arbeitet sehr eng mit der Vorsitzenden der Geschäftsführung, Elke Neujahr, an der strategischen Weiterentwicklung der internationalen DKMS. Von Anfang an war Harf getrieben vom Gedanken, Patienten zu helfen, immer neue Menschen zur Registrierung als Stammzellspendende zu motivieren, Patienten und deren Familien beim Umgang mit der lebensbedrohenden Erkrankung und dem Gesundheitssystem zur Seite zu stehen oder die DKMS-Spendengalas mit Auftritten von Schauspielern, Musikern und anderen Berühmtheiten zu orga- nisieren, um Millionen an Spendengeldern einzusammeln. All das ist für die 44-Jährige „kein Job, das ist ein Teil von mir“ – der Traum vom Sieg über den Blutkrebs als Lebenszweck.

Man glaubt es ihr sofort, denn der Preis für die Chance, diesen Kampf kämpfen zu können, war hoch. Harfs Mutter erkrankte 1990 an Leukämie, womöglich infolge der Strahlentherapie, mit der Mechtild Harf zuvor gegen Brustkrebs behandelt worden war. Sie brauchte eine Stammzelltransplantation. Damals existierte aber anders als in den USA und Großbritannien noch keine bundesdeut- sche Spenderdatei, nur einige kleine Datensammlungen, verstreut über verschiedene Städte. Lediglich 3000 Menschen waren als po- tenzielle Spender erfasst. Für die 44-Jährige fand sich kein geeig- neter Spender, weshalb Peter Harf Anfang 1991 die private Initiati- ve „Hilfe für Leukämiekranke“ startete, aus der später die DKMS gegründet wurde. Familienangehörige und Freunde organisierten Aktionen. Innerhalb nur eines Jahres stieg die Zahl registrierter Spender auf 68 000. Obwohl Peter Harf alles Erdenkliche unter- nommen hat, um seine geliebte Frau und Mutter seiner Töchter zu retten, starb sie im September 1991 an den Folgen ihrer Leukämie. Katharina war damals vierzehn Jahre alt.

Heute ist Katharina Harf selbst Mutter, ihre Tochter eine aufge- weckte Achtjährige, die Leuten stolz erzählt, dass ihre „Mom Leben rettet“. Das Schicksal ihrer eigenen Mutter, der Verlust in der Kindheit, ist eine Wunde, die niemals ganz heilen wird, sagt Katha- rina Harf. Der Weg, den sie eingeschlagen hat, stellt aber nicht nur sicher, dass ihre Mutter sie gewissermaßen täglich begleitet. Die Tätigkeit „ermöglicht mir auch, meiner Tochter zu zeigen, wie wichtig es ist, anderen Menschen zu helfen“.

TEXT: Helene Laube

ILLUSTRATIONEN: Carla Fuentes

Die DKMS ist nicht nur ein Job für mich, sie ist ein Teil von mir

Katharina Harf

Katharina Harf studierte Philosophie, ist aber in der Welt der Labore und der Medizin erfolgreich tätig. Angefangen hat

alles mit einem persönli- chen Schicksalsschlag

KATHARINA HARF

Geboren 1977 in Frankfurt, zog sie 1993 mit dem Vater, der Schwester und den Großel- tern väterlicherseits in die USA. Nach dem Philosophie-Bachelor in Harvard und mehreren Stationen bei Unternehmen in New York startete sie 2004 die US-Nieder- lassung der deutschen Organisation DKMS, die für jeden an Blutkrebs erkrankten Menschen einen passenden Spendenden finden oder den Zugang zu Therapien er- möglichen will – egal, wo auf der Welt. Harf ist Executive Chairwoman von DKMS US und seit 2019 stellvertretende Vorsit- zende des Vorstands der internationalen DKMS.

dkms.org

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