Porträt / Alessandro Lunelli

Werte / N° 22

Ferrari

unter

den

Weinen

Der Name Ferrari verpflichtet

zu Einzigartigkeit und Qualität. Beim Schaumwein-Produzenten aus dem Trento kümmert sich ALESSANDRO LUNELLI darum, dass sich daran auch in dritter Generation nichts ändert

A

lessandro Lunelli, der Jüngste in der Unternehmensfüh- rung der Lunelli-Gruppe, zu der die Marke Ferrari ge- hört, macht keinen verzweifelten Eindruck: „Corona hat

uns von März bis Mai betroffen, seit Juni geht es wieder aufwärts. In den beiden Jahren zuvor waren unsere Spitzenqualitäten aus- verkauft. Möglicherweise müssen wir unsere Vintage-Spumante wie die Giulio Ferrari Riserva del Fondatore in Zukunft sogar be- grenzt zuteilen.“

Ein Luxusproblem, über das sich Giulio Ferrari noch keine Ge- danken machen muss, als er nach dem Studium an der Landwirt- schaftlichen Schule auf Wanderschaft geht: erst an die Weinfach- schulen nach Montpellier und Geisenheim am Rhein, schließlich für zwei Jahre in die Praxis nach Épernay. Mit viel Fachwissen, Ide- en und Chardonnay-Rebstöcken im Gepäck gründet er 1902, im Al- ter von 22 Jahren, in Trient eine Sektkellerei, die seinen Namen trägt. Er produziert in Trentino-Südtirol „Champagner“. Damals ist diese Bezeichnung für seinen flaschenvergorenen Schaumwein noch zulässig. Seit 1994 ist der Name geschützt, darf nur für Weine aus der französischen Champagne benutzt werden. Für italienische Spitzenschaumweine gilt nun die Bezeichnung „Metodo Classico“.

Ferrari ist der Erste, der im Trentino Chardonnay anpflanzt. Er hatte durch Bodenproben herausgefunden, dass die hochgelegenen Weinlagen in Verbindung mit dem Klima prädestiniert sind für champagnerähnliche Weine mit duftiger Komplexität, spritziger Frische und feiner Säure. Darüber hinaus hatte er gelernt, dass mit einem Schaumwein mindestens der doppelte Preis eines Stillweins aus dem gleichen Grundwein zu erzielen ist – mit einem über- schaubaren Mehraufwand: 24 Gramm Zucker, welche die zweite Gärung in der Flasche auslösen, plus Kosten für die Kellerarbeit und Kapitalbindung für die mehrjährige Lagerung.

Ferraris Erfolg animiert die meisten Weinbauern des Trentino, ebenfalls auf Chardonnay umzustellen. 1952 verkauft er das Wein- gut mit einer Jahresproduktion von 8800 Flaschen an den ortsan- sässigen Weinhändler Bruno Lunelli, der die Schaumwein-Marke weiterentwickelt.

Weil es mit wachsendem Erfolg und inzwischen einer Produkti- on von rund 200 000 Flaschen in der Innenstadt von Trient zu eng wird, siedelt das Unternehmen 1971 auf die andere Seite des Flus- ses Etsch in ein modernes Betriebsgebäude. Von der Autobahn aus ist es leicht an der markanten, sechs Meter hohen Bronzeskulptur des Bildhauers und Architekten Arnaldo Pomodoro zu erkennen, der auch die Lunelli-Kellerei Castelbuono in Umbrien gestaltete.

Die drei Brüder der zweiten Generation steigern den Absatz von Ferrari Trentodoc auf über 3,5 Millionen Flaschen, die in mehr als 50 Ländern verkauft werden. Sie erobern die Marktführerschaft bei den flaschenvergorenen Schaumweinen in Italien und investie- ren in neue Projekte. 2016 übernimmt die dritte Generation der Lunellis die Geschäftsführung: Matteo wird CEO der Lunelli-Grup- pe sowie der Marke Ferrari und ist seit diesem Jahr Präsident der Altagamma-Stiftung, der 110 der hochwertigsten Marken „made in Italy“ angehören. Camilla ist seit 2004 verantwortlich für Kommu- nikation und externe Kontakte. Marcello verantwortet als Önologe seit 1995 das Weinsortiment, unterstützt von Kellermeister Ruben Laurentis. Alessandro ist als Technischer Direktor für alle Investi- tionen der Lunelli-Gruppe zuständig.

Ist Ferrari 1903 noch der einzige Spumante-Produzent in der Region, gibt es inzwischen 56 Kellereien, die Trentodoc herstellen, darunter drei große Genossenschaften. Das führt zu einer lebhaf- ten Nachfrage nach geeigneten Weinbergen. Aus den 100 Hektar, die im Laufe der Jahre von Ferrari gekauft worden sind, lassen sich maximal eine Million Flaschen hochwertiger Metodo Classico er- zeugen. Für die restlichen vier Millionen Flaschen müssen Trauben zugekauft werden. Und weil das nur nach strengen Vorgaben und laufenden Kontrollen von Ferrari akzeptiert wird, ist das Angebot von Jahr zu Jahr überschaubarer. „Wir haben viel in neue Weinber- ge investiert, unlängst in weitere 30 Hektar in guter Höhenlage. Aber bis diese die gewünschte Qualität erbringen, dauert es einige Jahre. Das Wichtigste für unsere Schaumweine sind die Reben, die Trauben und die Weinberge. Oder wie mein Vater Mauro, der viele Jahre Ferraris Chefönologe war, immer sagte: ‚Im Keller kann man einen Wein höchstens ruinieren.‘“

Der weltweite Erfolg der Ferrari-Schaumweine ist bemerkens- wert. Fünf Millionen Flaschen entsprechen der Menge, die von re- nommierten Champagnerhäusern wie Taittinger, Duval-Leroy oder Pommery jährlich auf den Markt gebracht werden – zu durchaus vergleichbaren Verkaufspreisen. Ferrari-Produkte sind vielfach prämiert und werden von Weinkritikern hochgelobt. Die Nachfrage ist größer als die Jahresproduktion.

Zwar ist Ferrari aus Trient weder verwandt noch verschwägert mit Ferrari aus Maranello, und die beiden Marken vermeiden strikt, gemeinsam aufzutreten – dennoch dürften die Schaumwei- ne vom Mythos und Prestige des gleichnamigen Sportwagens und Formel-1-Rennstalls profitiert haben. Trotz unterschiedlicher Schreibweisen, Großbuchstaben gegen gemischte Schrift – ein kos- tenloser Imagetransfer sozusagen.

Den Konsumenten die Unterschiede zwischen tankvergorenem Sekt und Prosecco oder flaschenvergorenen Weinen wie Champa- gner, Franciacorta oder Alta Langa zu erklären, ist ein seitenfül- lendes Thema. Sind da die inzwischen 15 verschiedenen Etiketten von Ferrari für Schaumwein-Liebhaber noch verständlich? „Wenn ein Weinhändler oder Restaurant fünf bis sechs unserer Qualitäten vorhält, genügt uns das völlig“, sagt Alessandro Lunelli.

Die Firmengruppe, zu hundert Prozent in Familienbesitz, hat bereits vor zwanzig Jahren mit der horizontalen Diversifikation begonnen: Das Unternehmen produziert längst auch Stillweine – im Trentino mit der Tenuta Margon, in der Toskana mit dem Gut Podernovo und in Umbrien mit Castelbuono. Außerdem stellt es den Grappa „Segnana“ her und hat mit „Surgiva“ ein Tafelwasser im Programm, das bei Sommeliers und der gehobenen Gastrono- mie beliebt ist. Seit ein paar Jahren gehört auch das Prosecco-Haus „Bisol 1542“ zur Unternehmensgruppe. Und 2017 eröffnete neben dem Gästehaus von Ferrari, der Villa Margon aus dem 16. Jahrhun- dert, das Ein-Sterne-Restaurant „Locanda Margon“. Bei so viel Un- ternehmertum und erfolgreichen Geschäften mit einem Jahresum- satz von über 100 Millionen Euro ist fast schon eine weitere Expan- sion im Getränkemarkt zu erwarten. Alessandro Lunelli verrät so viel: „Wir wollen Kellereien kaufen – entweder in renommierten Appellationen – oder entwicklungsfähige erstklassige Marken.“

Text: Christian Wenger

Fotos: Mattia Balsamini

Die Weingärten mit den

Weinzeilen befinden sich an südlich oder südwestlich

ausgerichteten Talhängen

Die Lese der Trauben für hoch- wertige Weine erfolgt bei Ferra- ri wie überall auf der Welt auschliesslich in Handarbeit

Vor dem Pressen werden die Trauben maschinell entrappt, also von den eher bitteren Stie- len befreit und optisch selektioniert

Schaumweinflaschen lagern

in den letzten Tagen in Rüttel- pulten, bis alle Sedimente in

der Flaschenspitze angekom- men sind und entfernt werden können

In der Reifungsphase von

mehreren Jahren lagern die

Flaschen liegend, mit Kronen- korken verschlossen. Der

Innendruck beträgt 6 bar

Alessandro Lunelli

Der 42-Jährige startete seine Karriere nach einem Studium zum Elektroingenieur bei McKinsey. Es folgten Tätigkeiten bei Uni- lever in Mailand und Auslandsaufenthalte in Singapur und Manila. 2004 kam er nach Italien zurück und arbeitet seitdem in der Geschäftsleitung der familiengeführten Lunelli-Gruppe. Der Vater von zwei Kin- dern ist zudem Vizepräsident der Arbeit- geberorganisation Confindustria Trento (Confederazione Generale dell’Industria Italiana).

tenutelunelli.it