interview / Robert Mayr

Werte / N°24

Wir

brauchen

mehr

Mitgefühl

Bäume und Wälder liegen Eva Mayr-Stihl und ihrem Mann Robert Mayr besonders am Herzen. Daher gründeten sie eine Stiftung und fördern Projekte für Kultur und Natur

Diese von Ólafur Elíasson entworfene Skulptur weist den Weg zur Stiftung in Waiblingen. Kunst ist stets Teil der Stiftungskultur von Eva Mayr-Stihl und Robert Mayr

Herr Mayr, vor kurzem erlebten wir eine der extremsten Flutkatastrophen der deutschen Klimageschichte. In Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und Bayern haben unfassbare Wassermassen bis dahin kaum vorstellbare Ver- wüstungen angerichtet. Mit Ihrer Stiftung, 1986 von Ihrer Frau und Ihnen gegründet, unterstützen Sie maßgeblich auch Umwelt und Natur. Liegt Ihnen der Bereich Nachhal- tigkeit auch deshalb am Herzen, weil das Unternehmen Stihl mit Motorsägen, Heckenscheren, Häckslern oder Mährobotern zum Weltmarktführer geworden ist?

Zunächst verbinde ich mit Hochwasser eine meiner ersten Kind- heitserinnerungen. Das Haus meiner Eltern stand in der Nähe ei- nes bayerischen Wildbachs. Einen Monat nach Kriegsende gab es 1945 ein schreckliches Hochwasser. Fünf Menschen ertranken, zwei im Nachbarhaus. Ich war fünf Jahre alt. Sie können sich vor- stellen, wie sich diese Erfahrung in mein Gedächtnis eingebrannt hat. Aber zu Nachhaltigkeit. Als Pionier der Nachhaltigkeit kann Hans Carl von Carlowitz gelten, der mit seinem 1713 veröffentlich- ten Werk Sylvicultura oeconomica das erste Buch über Forstwirt- schaft publizierte. Wir kommen aus der Forstwirtschaft. Gesetzlich ist vorgeschrieben, dass nur so viele Bäume gefällt werden dürfen, wie nachwachsen – eine Regelung, die für die Umwelt einen hohen Stellenwert hat. Vor Jahren schon haben wir mit der Stiftung einen Lehrstuhl für Forstgeschichte an der Universität Freiburg gegrün- det und unterstützen insbesondere deren Nachhaltigkeitsforschun- gen. Seit kurzem fördern wir auch einen Lehrstuhl für Forstgene- tik. Die Idee ist, Bäume zu züchten, die resistenter gegen die Folgen der Erderwärmung sind.


Sie engagieren sich in Bereichen, die Ihnen und dem Unter- nehmen vertraut sind?

Richtig. Es ist das Prinzip der Stiftung, dort aktiv zu werden, wo wir uns auskennen. Und wo wir Partner finden, mit denen wir per- sönliche Vertrauensverhältnisse aufbauen können. Deshalb kon- zentrieren wir uns auch auf lokale und regionale Felder, auf denen wir konkrete Erfolge erzielen können.


Bäume sind Gewächse, zu denen wohl jeder Mensch eine emotionale Beziehung hat. Wie ist das bei Ihnen?

Sie meinen, ob ich Bäume umarme? Nein, aber ich liebe die Natur! Als Kinder waren wir immer in der Natur unterwegs, barfuß, den ganzen Sommer! Dazu kam Bergsteigen und Skifahren. Heute bin ich mindestens zweimal täglich mit meinem Dackel in den Wäl- dern und Feldern unterwegs. Ich bin ein Country Boy …


… der sich für den Klimaschutz einsetzt.

Was jeder Mensch tun muss. Die Stiftung ist hier sehr aktiv. Wir vergeben den Deutschen Forstwissenschaftspreis, fördern den Na- tionalpark in Berchtesgaden und den Forstbotanischen Garten der Technischen Universität Dresden. Außerdem unterstützen wir das Holzknechtmuseum Ruhpolding, das sich dem Leben und Arbeiten der Waldarbeiter und Forstwirte widmet. Und wir fördern die Deutsche Dendrologische Gesellschaft in Ahrensburg, eine Vereini- gung für Baumkunde.


Dort erfährt man, dass es auch bei uns uralte Bäume gibt wie Kastanie, Eibe, Arve. Umso schlimmer ist das Waldster- ben. Was sind Ihrer Meinung nach Hauptfaktoren?

Wie wir alle wissen: die klimatischen Veränderungen. Daneben die Auswahl der Baumarten im Forst.


In Zukunft soll Holz eine immer größere Rolle spielen, un- ter anderem als Baumaterial. Mehr Holz, weniger Beton. Wie stehen Sie dazu?

Ich befürworte es grundsätzlich. Die Bauwirtschaft verwendet je- doch vor allem Fichtenholz. Für Umweltschützer ist das ein Pro- blem, weil sie Monokulturen tadeln.


Dem Erfolg des Unternehmens Stihl schadet es nicht. Die Umsätze und die Zahl der Mitarbeitenden wachsen konti- nuierlich. Können Sie Zahlen für 2020 nennen?

Der Umsatz betrug 4,58 Milliarden, die Zahl der Mitarbeitenden lag bei 18.200. Wir sind in über 160 Ländern tätig.


Stihl ist ein Hidden Champion mit Hauptsitz in Waiblin- gen-Neustadt. So populär die Produkte, so wenig bekannt die Unternehmerfamilie. Warum ist Diskretion so wichtig?

Als Eigentümerfamilie sind wir keine Marktschreier. Wir brauchen keine Yellow-Press-Öffentlichkeit. Vielleicht liegt unsere Zurück- haltung auch ein wenig am schwäbischen Charakter.


Wodurch zeichnet er sich für Sie als gebürtiger Bayer aus?

Sie kennen Sätze wie „Mia san mia“ und „Schaffe, schaffe, Häusle baue“. Wie in allen Klischees steckt auch in ihnen ein Körnchen Wahrheit. Die Bayern sind vielleicht eher extravertierter und welt- offener – die Schwaben etwas introvertierter und sparsamer. Aus- nahmen bestätigen die Regel.


Hierzu passt, dass die Stiftung auch Dialekte fördert, zum Beispiel mit einem Bairischen Dialektpreis. Wie steht es mit dem Schwäbischen?

Für den schwäbischen Dialekt tun wir jetzt auch etwas! Mundart verrät viel über die Mentalität, das finde ich spannend: Das „Uns ko koaner“ zum Beispiel weist auf das gesunde Selbstbewusstsein der Bayern hin.


Schweinshaxn oder Maultaschen?

Beides. Fast noch eher Maultaschen. Wissen Sie, wie die im Dialekt heißen?


Nein.

Herrgottsbscheißerle. Und warum? Gläubige Christen dürfen am Karfreitag kein Fleisch essen. Deshalb haben findige Mönche das Fleisch in den Nudelteig geschmuggelt – der Herrgott hat’s dann nicht gesehen. Das finde ich im Hinblick auf den schwäbischen Charakter ebenfalls aufschlussreich.


Erfinderisch und dabei etwas hinterlistig?

Wenn Sie so wollen.


Welche Werte prägen Sie und Ihre Frau als Unternehmer und privat?

Bescheidenheit und Respekt sind traditionelle Werte der Familie, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Der Fir- mengründer Andreas Stihl hat sie schon vorgelebt. Er behandelte jeden in seinem Betrieb mit Hochachtung. Diese Haltung hat er an seine Kinder und Enkel weitergegeben. Verantwortung der Fami- lie, dem Unternehmen, der Gesellschaft und der Umwelt gegenüber steht für uns an oberster Stelle. Deshalb haben wir die Stiftung ge- gründet: Wir wollen etwas zurückgeben.


Welches Budget gibt es dafür jährlich?

Momentan circa zehn Millionen Euro. Jeweils rund 35 Prozent ste- hen für Medizin sowie Wissenschaft und Forschung zur Verfü- gung, 20 Prozent für Kunst und Kultur. Den Rest geben wir für wei- tere unterschiedliche Stiftungszwecke aus.


Warum werden Kunst und Kultur geringer bedacht?

Eine schwierige Frage. Wir unterstützen drei große Krankenhäu- ser, darunter das Klinikum Stuttgart, das größte Krankenhaus in Baden-Württemberg. Medizin ist essenzieller für Menschen als Kunst. Auch Wissenschaft und Forschung kommen wahrscheinlich mehr Menschen unmittelbarer zugute als Kultur. Das heißt nicht, dass meine Frau und ich Kunst und Kultur nicht sehr schätzen.


Auf dem Weg zum Stiftungsgebäude begegnet man zuerst der Skulptur „Mann auf Seepferdchen“ von Stephan Bal- kenhol, danach dem monumentalen „Pavillon für Waiblin- gen“ von Ólafur Elíasson. Ist Kunst ein Teil Ihrer Stiftungskultur?

Auf jeden Fall. Wir haben die Anschubfinanzierung für den Bau der „Galerie Stihl Waiblingen“ gemacht und unterstützen einzelne Ausstellungen. Das Programm ist weit gefächert, und der Zuspruch wird immer größer!


Sammeln Sie und Ihre Frau privat?

Sagen wir eher: Wir kaufen, was uns gefällt. Wir haben unter ande- rem Werke von Otto Dix, Käthe Kollwitz, Marc Chagall, Willi Bau- meister und Horst Antes. In unserem Haus in Bayern stehen bayeri- sche Volkskunst und alte Votivbilder oder antike Bauernmöbel im Vordergrund.


Wie sehen Sie die Zukunft der Stiftung?

Mein Statistikprofessor hat immer gesagt: Die Zukunft ist dem Menschen grundsätzlich unerschlossen. Aber Stiftungen – auch unsere – sind nun mal für die Ewigkeit angelegt. Auf jeden Fall werden wir uns weiter auf unsere drei Kernbereiche konzentrieren: Medizin, Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur. Wir fin- den, sie sind zentral für das Überleben der Menschheit. Auch die Grundüberzeugungen, die uns leiten, wollen wir bewahren: Diszi- plin, Anstand, Fairness und Liberalität. Unsere Stiftungsarbeit gründet auf der Empathie für Menschen. Eines ist klar: Wir brau- chen mehr Mitgefühl für unsere Gesellschaft und Natur. Das wol- len wir auch weiterhin vermitteln.

TEXT

Eva Karcher


ILLUSTRATION

Paula Sanz Caballero

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Anzahl der Stiftungsprojekte, die trotz Corona allein im Jahr 2020 unterstützt werden konnten

„Bescheidenheit und Respekt sind traditionelle Werte der Familie, die von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden“

Robert Mayr

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Millionen Euro hat die Stiftung seit ihrer Gründung für satzungsmäßige Zwecke vergeben

„Es ist das Prinzip der Stiftung, dort aktiv zu werden, wo wir uns auskennen“

ROBERT MAYR

„Unsere Stiftungsarbeit gründet auf der Empathie für Menschen. Die Grundüberzeugungen,

die uns leiten, wollen

wir bewahren“

ROBERT MAYR

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Gründung der Eva Mayr-Stihl Stiftung in Waiblingen

Daten & Fakten

Das 1926 gegründete Unternehmen Stihl stellt Geräte für Forstwirtschaft, Garten- und Landschaftspflege sowie die Baubranche her. Ziel war es von Beginn an, „den Menschen die Arbeit mit und in der Natur zu erleichtern“. Mit Erfolg: Seit 1971 ist der Waiblinger Konzern Weltmarktführer im Bereich Motorsägen. Im Jahr 2020 war der Umsatz um 16,5 Prozent auf 4,58 Milliarden Euro gewachsen, die Zahl der Mitarbeiter*innen stieg um neun Prozent auf 18.200. Eva Mayr-Stihl ist die Tochter des Unternehmensgründers. Zu- sammen mit ihrem Mann Robert Mayr hat sie 1986 die zu- nächst nach ihrem Vater benannte Stiftung gegründet, die heute unter anderem die Initiative Nationalerbe-Bäume fördert. Für ihr „herausragendes Engagement“ ist Eva Mayr-Stihl unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet worden.

corporate.stihl.de

eva-mayr-stihl-stiftung.de

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