Interview mit Düzen Tekkal

Werte / N° 21

Wir haben

zu wenig auf

unsere Werte

verwiesen“

Die deutsche Menschenrechtlerin DÜZEN TEKKAL fordert eine klarere Migrations- und Integrationspolitik. Dazu gehört für sie eine Auseinandersetzung mit der deutschen Identität

71 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht, jede Mi- nute werden 25 weitere zur Flucht gezwungen. Vielen werden diese Zahlen trotz Flüchtlingskrise abstrakt vorkommen. An was denken Sie, die Kriegsreporterin, die Menschenrechtsak- tivistin, wenn Sie diese Zahlen hören?

Ich denke da an ganz konkrete Menschen. Ich sehe Malika, die fünf Jahre in IS-Gefangenschaft war. Ich durfte sie besuchen auf einer Delegationsreise mit der damaligen Verteidigungsministerin. Mali- ka sagte zu Ursula von der Leyen: „Ich spreche heute zu Ihnen von Frau zu Frau. Obwohl ich befreit wurde, fühle ich mich immer noch nicht frei. Denn ich wurde vertrieben, unterdrückt, vergewaltigt, musste die Kinder meiner Vergewaltiger auf die Welt bringen, und mir wurden viele Familienmitglieder genommen. Wenn Sie verhin- dern wollen, dass Menschen wie wir auswandern, dann sorgen Sie für Schutz, für Sicherheit, für Perspektiven, für Möglichkeiten.“


Haben Sie zu Malika noch Kontakt?

Ja, sie hat mir neulich ein Foto geschickt, das mich total berührt hat. Angesichts ihrer Geschichte könnte man denken, Sie sei ein Opfer, aber in Wirklichkeit ist sie eine sehr starke Frau. Malika be- richtete mir, dass sie ein Buch über ihre IS-Gefangenschaft ge- schrieben hat. Im Irak ist es bereits erschienen.


Beeindruckend. Wie alt ist Malika?

Tekkal Sie ist 36, sieht aber aus wie 50. Das sind die Geschichten, an die ich denke.


Sie könnten mithilfe Ihrer Organisation Hawar, mit der Sie vertriebene Jesidinnen unterstützen, Malikas Buch in Deutschland auf den Markt bringen.

Daran denken wir gerade in der Tat. Wir sind ja inzwischen zu An- sprechpartnern geworden für diese Menschen, die keine Stimme haben, aber gehört werden wollen. Sie wenden sich an uns, weil wir in beiden Kulturkreisen leben. Wir versuchen, ihnen dabei zu helfen, sich nicht als Flüchtling zu begreifen, sondern als Akteur. Wir sind auch vor Ort im Irak und helfen den Frauen, die in IS-Ge- fangenschaft waren, zurück ins Leben zu finden – mit Nähkursen, mit Alphabetisierungskursen, mit Englischkursen, mit Digitalisie- rungskursen. Und alle Kurse sind multireligiös. Es sind Jesidinnen darunter, Christinnen, Musliminnen.

Ihr Vater kam 1965 als Mitglied der verfolgten jesidischen Minderheit nach Deutschland. Auch in Ihrer Familie gibt es Flüchtlingsschicksale. Wie präsent sind Ihnen die Geschichten Ihrer Ahnen?

Die Geschichten sind allgegenwärtig. Doch als Sie eben die Frage nach den Flüchtlingszahlen gestellt haben, habe ich mich selber und meine Eltern nicht dazu gezählt. Aber natürlich habe ich diese Wurzeln, und ich bin meinen Eltern sehr dankbar dafür, dass sie den Mut hatten, in ein anderes Land zu gehen und uns elf Kindern Chancen zu geben und gleichzeitig Verantwortung zu vermitteln. Diese Verantwortung habe ich übernommen. Ich bin stolz darauf, in dieser Zeit Teil der Lösung der Probleme zu sein, die Integration und Migration mit sich bringen.


Wie sehen Sie Deutschland im Jahre fünf nach der Flücht- lingskrise auf das Megathema Migration eingestellt?

Ich sehe das ambivalent. Gerade was das Thema Menschenwürde, Schutz von Schutzbedürftigen und Aufnahmefähigkeit angeht, sind wir sicherlich zu Vorreitern geworden und damit in die Geschichte eingegangen mit unserem menschenfreundlichen Gesicht. Aber wir müssen immer noch wichtige Fragen austarieren zwischen der Willkommens- und Ankommenskultur. Wenn Menschen die Mög- lichkeit haben, mehrfach einzureisen, wenn man Pässe weg- schmeißen und trotzdem einreisen darf, ohne die Herkunft nach- zuweisen, dann wird diese Menschenfreundlichkeit ausgenutzt. Darauf müssen wir wehrhafte Antworten entwickeln. Auch ma- chen wir noch nicht die richtige Politik, um überhaupt Migration zu verhindern. Wir sind mit Teil des Problems.


Eigentlich ist Deutschland seit 50 Jahren Einwanderungsland. Warum scheinen wir dennoch wenig aus unseren Erfahrungen und Fehlern gelernt zu haben?

Weil wir uns nie als Einwanderungsland definiert haben. Und weil der Bildungsnotstand, der mit der ersten Generation der Gastar- beiter entstand, bis heute nicht aufgeholt wurde. Von Max Frisch stammt ja der wunderbare Satz „Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen.“ Wenn ich an meine Eltern denke, war es damals wichtig, zu arbeiten, aber nicht deutsch zu lernen. Das hat Zusam- mengehörigkeit verhindert. Den Menschen kann man das heute nicht zum Vorwurf machen. Uns zu erlauben, deutsch sein zu dür- fen, hat Jahrzehnte lang nicht stattgefunden.


Weil die traumatisierten deutschen Kriegs- und Nachkriegs- generationen erstmal ihre eigene Identität klären mussten?

Ich erlebe oft bei Deutschen Schwierigkeiten zu erklären, was ihr Deutschsein ausmacht. Das hat sicher mit dem deutschen Trauma zu tun. Wir haben diese Identitätsfrage so lange liegenlassen, bis ein Vakuum entstanden ist, das von Hasspredigern und Gruppen wie der AfD übernommen wurde. Ich finde die AfD nicht toll, aber man muss anerkennen, dass es ihr gelungen ist, die Identitätsfrage zu besetzen. Darauf muss man nun eine Politik entwickeln. Die Volksparteien haben das verschlafen. Und ich muss auch sagen, dass wir in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten Migrations- und Integrationspolitik für Migranten gemacht haben und nicht für Deutschland. Wir haben zu wenig auf unsere Werte verwiesen, sodass die Migranten keine Möglichkeit hatten, sich zu integrieren – denn wo hinein denn? So konnten Parallelstrukturen entstehen.

Sie sagen, dass unserer Politik Herzenswärme fehlt, dass die Nicht-Integrierten hingegen zu Erdogan eine Art von Liebe entwickeln konnten. Würden uns solche emotionalen Verbin- dungen auch guttun?

Ja, natürlich. Ich muss einen Politiker lieben können. Das verken- nen wir komplett. Hier geht es um Menschen, ums Gefühl, ums Herz, es geht nicht nur um den Intellekt und den Kopf. Ich muss mich gut regiert fühlen. Wir müssen in Deutschland lernen, unsere Demokratie, unseren Rechtsstaat, unsere Werte besser zu würdi- gen und zu verkaufen und uns nicht immer schlechter zu machen, als wir sind. Ich bin wahnsinnig stolz darauf, Deutsche zu sein. Punkt. Ich kann es nicht erklären, es ist ein Gefühl.


Man kann es aber auch nicht erzwingen.

Richtig. Bei mir hat es mit Demut und Dankbarkeit zu tun. Ich habe oft Diskussionen, in denen Leute sagen, dass das Erreichte allein ihrer Arbeit entspringt und nichts mit Deutschland zu tun hat. Das mag deren Meinung sein, meine ist es nicht. Ich verfolge das Ken- nedy-Prinzip, der aufgefordert hat, zu fragen, was wir für unser Land tun können. Das hat etwas damit zu zu tun, dass ich von die- sem Land unheimlich viel geschenkt bekommen habe – und zwar Möglichkeiten. Mir war es möglich zu studieren, Journalistin zu werden, Filme zu machen.


Sie sprechen von Werten, über die eine Integration hergestellt werden könnte.

Es geht hier um das Gleichgewicht von Wirtschaft, Politik und Ge- sellschaft. Dieses Dreiergespann muss neu austariert werden. Ich wehre mich vehement dagegen, so zu tun, als ob Wirtschaft sich neutral verhalten könnte. Die Zeiten sind sowas von vorbei. Ich war neulich auf einer Veranstaltung zum Thema „Governance und Wirtschaft“, und dort sagte jemand in hoher Position, dass Unter- nehmen nicht für Menschenrechte zuständig seien. Da widerspre- che ich mit aller Heftigkeit.


Andere hingegen bekennen sich ausdrücklich zu den Menschenrechten.

Insgesamt geht es darum, in der Position, in der man ist, für Men- schlichkeit zu sorgen und Vorbild zu sein. Das gilt übrigens auch für Fußballvereine, die Millionen und Milliarden umsetzen, sowie für die dazugehörigen Fußballverbände. Der Fall Özil war ein schmerzhaftes Beispiel dafür, dass man für Schwarz-Rot-Gold auf- laufen kann, ohne angekommen zu sein. Und da sind wir wieder bei der Wertefrage. Der werteorientierte Ansatz des Gemeinsamen ist ganz entscheidend, und den verfolgen wir auch mit unserer Kam- pagne German Dream. Es geht darum, sein Leben in die Hand zu nehmen und aus den Möglichkeiten, die das Wertefundament Deutschlands anbieten, etwas zu machen.


Das gilt nicht nur für Migranten.

Richtig. Wir müssen nicht um den guten Migranten kämpfen, son- dern um gute Menschen und die verantwortungsbereite Gesell- schaft von morgen. Dafür muss jeder von uns etwas tun, das über Egoismus und Selbstoptimierung hinausgeht.


Wenn Sie eine Utopie, einen Traum entwerfen dürften für

eine Gesellschaft, in der die Integration gelungen ist, wie sähe die aus?

Ich träume von gesellschaftlichem Zusammenhalt und davon, für jedermann Möglichkeiten zu schaffen und Potenziale zu stärken. Ich träume davon, Menschen nicht als etwas anderes zu definieren, sondern als Teil von uns. Ich träume von der Überwindung der Angst, um in Freiheit zu kommen und dann die Freiheit teilbar zu machen. Das ist für mich eine Familienformel. Bei uns wurde da- mals in Hannover kein Deutsch gesprochen, meine Mutter kann nicht lesen und schreiben, wir hatten keine Bücher.


Warum hat es trotzdem geklappt?

Weil meine Eltern die richtige Einstellung hatten. Sie waren bil- dungsehrgeizig. Sie waren der Meinung, dass dieses Land das Beste ist, was uns passieren konnte. Da geht es wieder um die Liebe zum Rechtsstaat. Und sie haben immer gesagt: „Wir hatten eure Chan- cen nicht, ihr müsst jetzt alles geben, wir wollen keine Ausreden!“ Hinzu kam eine intakte Nachbarschaft. Die Welt war noch in Ord- nung. Diese Möglichkeiten möchte ich für andere wieder schaffen. Wenn wir nicht die Ärmel hochkrempeln – unabhängig davon, wo wir herkommen –, dann dürfen wir uns auch nicht beschweren darüber, dass nichts klappt. Wer große Träume hat, der muss auch Großes leisten. Die großen Träume gibt es nicht umsonst.


Sie beraten auch die Regierung über eine Fachkommission

für Fluchtursachenbekämpfung. Wie muss man sich das vorstellen?

Ich bin mit den Vertretern aus Regierung und Ministerien im tägli- chen Austausch, wir treffen uns einmal im Monat. Das ist richtig harte Arbeit. Und Sie können sich vorstellen, dass ich dort mit meiner Meinung nicht hinterm Berg halte. Ich liebe es, in einem Land zu leben, in dem ich die Bundesregierung auseinanderneh- men kann und trotzdem in die Fachkommission berufen werde. Wenn ich die wichtigen Fragen nicht stellen dürfte, wäre es Zeit- verschwendung. Ich versuche, auch hier die Meinungen von Men- schen hineinzubringen, die nicht gehört werden.


Welche konkreten Vorschläge bringen Sie ein, um Ihre Utopie zu erreichen?

Mit dem Flüchtlingsabkommen mit der Türkei haben wir ja ge- zeigt, wie es nicht geht. Da haben wir uns erpressbar gemacht. Also: keine dreckigen Deals mehr, um uns Flüchtlinge vom Hals zu halten! Uns muss es gelingen, Unabhängigkeit herzustellen. Das schaffen wir, indem wir nicht wegdelegieren, sondern selbst Ver- antwortung übernehmen und eine außenpolitische Haltung ein- nehmen. Und das muss man auch vor Ort merken. Wir müssen in den zerstörten Ländern die Ressource Mensch aufbauen und nicht nur die Infrastruktur. Und ich fordere, dass wir die, die für die Kriege sorgen, hart sanktionieren. Als Wirtschaftsmacht haben wir die Möglichkeit zu zeigen, wo der Hammer hängt. Das haben wir in der Vergangenheit viel zu selten gemacht. Und solange geopoliti- sche Gründe wichtiger sind als Menschenrechte, dürfen wir uns über Völkermorde nicht wundern. Da kommt der Wirtschaft eine ganz wichtige Rolle zu.

Text: Martin Häusler

Foto: Urban Zintel

Wir müssen in Deutschland lernen, unsere Demokratie, unseren Rechtsstaat, unsere Werte besser zu würdigen und zu verkaufen und uns nicht immer schlechter zu machen, als wir sind

DÜZEN TEKKAL

Es geht darum, in der Position,

in der man ist, für Menschlichkeit

zu sorgen und Vorbild zu sein

DÜZEN TEKKAL

Meine Eltern waren bildungsehrgeizig. Sie waren der Meinung, dass dieses Land

das Beste ist, was

uns passieren konnte

DÜZEN TEKKAL

DÜZEN TEKKAL

Als eines von elf Kindern eines kurdisch- jesidischen Flüchtlingspaars wird Tekkal 1978 in Hannover geboren. Nach ihrem Studium der Politikwissenschaft macht sie als Kriegsreporterin und Filmemacherin auf sich aufmerksam. Mit ihrer Menschen- rechtsorganisation Háwar engagiert sie sich für die Opfer des IS-Terrors. 2019 wird sie von der Bundesregierung in die Fach- kommission Fluchtursachen berufen.

hawar.help

Solange geopolitische Gründe

wichtiger sind als Menschenrechte, dürfen wir uns über Völkermorde nicht

wundern. Da kommt der Wirtschaft

eine ganz wichtige Rolle zu

DÜZEN TEKKAL