Interview mit Karl von Rohr

Werte / N° 21

„Wir müssen

unser

Verhalten an

die globale

Lage anpassen“

KARL VON ROHR, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, fordert mehr europäische Einigkeit, ehrliche Informationen über die Folgen der Niedrigzinspolitik und einen noch stärkeren Fokus auf nachhaltige Anlagen

Der fortschreitende Klimawandel zwingt Politik und Wirt- schaft immer stärker zum Handeln. An welchen Stellen kann die Deutsche Bank etwas verändern?

An mehreren. Wir kümmern uns natürlich erst einmal um unsere eigene Klimabilanz. Seit 2012 sind wir klimaneutral, indem wir un- sere Emissionen durch den Kauf von CO2-Zertifikaten ausgleichen. Aber wir wollen natürlich auch unsere Kunden bei der Transfor- mation hin zu einer CO2-ärmeren Wirtschaft unterstützen. Wir werden uns deshalb grundsätzlich auch nicht einfach von Kunden verabschieden, nur weil sie einen bestimmten, vielleicht noch zu hohen CO2-Fußabdruck haben – wir werden ihnen vielmehr dabei helfen, diesen Fußabdruck zu verringern. Dieses Thema betrifft so gut wie jedes Unternehmen: Schon in wenigen Jahren – davon bin ich überzeugt – wird das Nachhaltigkeitsrating einer Firma ähnlich bedeutend sein wie heute das Bonitätsrating.


Sie haben vier Kinder, die vom Alter her noch nah an der Fri- days-for-Future-Bewegung dran sind. Wie bewegt Sie persön- lich der Klimawandel?

Ich rede mit meinen Kindern darüber und nehme so auch mal eine andere Perspektive ein, die mich dazu bringt, manche meiner Posi- tionen zu überdenken. Und ich merke, dass ich von meinen Kin- dern hier einiges lernen kann.


Was zum Beispiel?

Vor einem Familienfest habe ich zu meiner Tochter gesagt: „Nimm doch den Flieger, dann bist du am Heiligabend schneller bei uns.“ Sie hat sofort gesagt, sie würde lieber mit der Bahn fahren. Sie sei dadurch etwa eine Stunde später in Frankfurt, darauf müssten wir uns eben einstellen. Und damit hat sie auch vollkommen recht.


Nehmen Sie Kritik an liebgewonnenen Leidenschaften im Zuge der Klimadiskussion als eine Art der „Freiheitsberaubung“ wahr? Das wird ja gerne so dargestellt.

Nein. Wir alle sollten bereit sein, unsere Verhaltensweisen zu hin- terfragen. Ein wichtiger Weg, um den Klimawandel zu verlangsa- men, wird eine Änderung unserer Gewohnheiten sein. Natürlich ist das nicht immer einfach, und es wird auch nicht von heute auf morgen geschehen. Es ist aber in unserer Verantwortung den nachfolgenden Generationen gegenüber, dass wir uns ernsthafter damit beschäftigen.


Im Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ mahnte 1972 der Club of Rome, der Expansionskurs der Wirtschaft führe ins Desaster. Was muss geschehen, damit ein echter Wandel einsetzt?

Ich befürchte, das wird erst dann geschehen, wenn wir alle noch drastischer spüren, wie der Klimawandel plötzlich unser tägliches Leben maßgeblich bestimmt, wenn nicht sogar umkrempelt. Bisher merken viele von uns das nur an den Stürmen, die heftiger werden, und den Sommern, die wärmer werden …


… ein paar Dürresommer nacheinander reichen für ein Um- denken also noch nicht?

Nein. Dennoch tut sich etwas, und das hat auch mit den beiden jüngsten, sehr heißen Sommern zu tun. Wenn ich durch den Wald fahre, vor allem dort, wo Nadelbäume oder Buchen stehen, dann kann einem schon mulmig werden – denn viele der Bäume sind tot oder zumindest krank. Gleichzeitig wissen wir, wie sehr wir die Wälder brauchen. Diese Erkenntnis hat viele Menschen dazu ge- bracht, sich an Aufforstungsaktionen zu beteiligen oder diese fi- nanziell zu unterstützen. Wir als Bank sind dort ebenfalls aktiv. Bisher haben unsere Mitarbeiter über 90 000 Bäume neu gepflanzt. Bis Ende 2020 wollen wir, also die Deutsche Bank alleine, auf welt- weit 150 000 Bäume kommen.


Der Wandel in der Wirtschaft müsste viel schneller vonstatten gehen. Wie sehen Sie die Wandlungsfähigkeit von hochkom- plexen Unternehmen und Konzernen, die ja aufgrund ihrer Strukturen mitunter recht langsam sind?

Das ist ähnlich wie bei hochkomplexen Gesellschaften: Es ist nicht einfach. In solchen Strukturen können Sie Wandel nur dann voran- treiben, wenn Sie die wichtigen Fragen offen und immer wieder ansprechen. Nur so fangen die Menschen an, darüber nachzuden- ken. Man mag Fridays for Future kritisch sehen, aber ich habe Re- spekt davor, dass es der Bewegung gelungen ist, den Klimawandel in das Bewusstsein vieler Menschen weltweit zu bringen und hart- näckig an den Themen dranzubleiben.


Spüren Sie, dass Nachhaltigkeit auch bei den Kundinnen und Kunden der Deutschen Bank eine zunehmend größere Rolle spielt?

Auf jeden Fall, sowohl bei unseren Firmenkunden als auch bei un- seren Privatkunden. Das gilt insbesondere für Unternehmen, die in klimarelevanten Branchen tätig sind und sich transformieren müssen, weil sie bestimmte Entwicklungen nicht mehr finanziert bekommen. Darüber hinaus erleben wir bei der Erbengeneration deutlich, dass sich die Jüngeren mehr Gedanken darüber machen, wie sie das geerbte Vermögen nachhaltig anlegen können.


Neben der Klimakrise, welche weiteren Megatrends sehen Sie in den kommenden Jahren auf uns zukommen?

Die nächste Dekade wird auch durch die neue geopolitische Kon- stellation bestimmt werden, die zwischen den beiden Großmäch- ten USA und China zu einer Art Kalter Krieg 2.0 geführt hat. In die- sem Kampf um wirtschaftliche Dominanz geht es immer auch um die wirtschaftliche Vormachtstellung im Technologiesektor. Indus- trielle Revolutionen waren am Ende immer dort erfolgreich, wo neue Technologien entwickelt oder wo erfolgreich Infrastruktur wie Schienen- oder Stromnetze geschaffen wurden. Morgen wird derjenige dominieren, der digitale Technologiekompetenz aufge- baut und digitale Infrastruktur geschaffen hat.


Wirtschaftliche Vormachtstellung gewinnt man auch über Größe, über Marktgröße?

Das ist aus meiner Sicht überlebenswichtig. Deutschland wird es schwer haben, sich alleine durchzusetzen. Wir bringen mit unseren 83 Millionen Einwohnern einfach zu wenig Gewicht auf die Waage. 450 Millionen EU-Bürger gegenüber 330 Millionen Amerikanern und 1,4 Milliarden Chinesen haben da schon bessere Chancen. Das Gleiche gilt für die vielen hoffnungsvollen Start-ups, die umso er- folgreicher sind, je schneller sie ihr Geschäfts-modell skalieren. Ein Technologieunternehmen in Deutschland bedient einen klei- nen Markt – in China hingegen trifft es auf 1,4 Milliarden potenzi- elle Kunden. Deshalb ist es für uns in Europa so wichtig, dass wir mehr Einigkeit finden, um einen größeren europäischen Heimat- markt zu schaffen und gemeinsam stärker auftreten zu können.


Selbst wenn es Europa gelingt, mehr zusammenzuarbeiten: Wären wir gegenüber China nicht immer noch ein Leichtgewicht?

Deswegen hätte ich eine hohe Präferenz dafür, dass wir wieder zu- rückkommen zu einem vernünftigen transatlantischen Miteinan- der mit den USA.


Wäre ein engerer Schulterschluss mit Russland nicht auch eine Option, um stärker zu werden?

Das Verhältnis zu Russland sollten wir pflegen. Das hat primär eine politische Komponente, aber auch eine wirtschaftliche. Blockbil- dung hilft nicht, weder dem Frieden noch einer gemeinsamen wirtschaftlichen Entwicklung. Seit Mitte der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts haben wir große Fortschritte bei der Friedenssicherung und der Globalisierung gemacht. Im Moment fallen wir wieder zurück in isolierte, nationale Verhaltensweisen.


Sprechen wir über ein anderes Thema, das unser Leben zuneh- mend prägt – die europäische Niedrigzinspolitik …

… ein unterschätztes gesellschaftspolitisches Grundsatzthema, das wir sehr ernst nehmen müssen. Zum einen erschweren Niedrigzin- sen die Vermögensbildung, zum anderen belasten sie die Alters- vorsorgesysteme dramatisch. Weiterhin anhaltende Negativzinsen werden diese Situation verschärfen und die Gesellschaft spalten. Diejenigen, die es sich leisten können, werden sich in diesem Nied- rigzinsumfeld verschulden, Immobilien kaufen und so klug inves- tieren können. Der weitaus größere Teil der Bevölkerung hingegen muss dabei zusehen, wie das Sparguthaben von Jahr zu Jahr schrumpft und bezahlbarer Wohnraum schwindet. Das kann in den kommenden zehn Jahren zu einem ernsthaften Problem werden.


Haben Sie keine Hoffnung, dass es bald zu einer Kehrtwende kommt?

Mein Optimismus, dass dies kurzfristig passiert, ist leider zur Zeit überschaubar.

Muss man darüber bei Ihren Kunden Aufklärung betreiben? Oder öffnet man damit ein Fass, das sich kaum wieder schlie- ßen lässt?

Es ist unsere Pflicht als Finanzdienstleister, mit unseren Kunden darüber zu sprechen. Und zwar mit allen Kundengruppen und über alle Vermögensklassen hinweg. Wir sind als Bank schließlich nah am Thema dran. Wir haben die notwendigen Informationen, wir können Anlagealternativen bieten, und wir sind auch diejenigen, die mit der Politik darüber sprechen können, welche Wege es aus dem Dilemma geben kann. Was uns dabei hilft, ist, dass wir mit der großen Mehrzahl unserer Kunden über Generationen verbunden sind. Das schafft Vertrauen und gibt uns die Möglichkeit, mit unse- ren Kunden darüber zu sprechen, wie sie ihr Vermögen umschich- ten können, um ihre Einlagen in höherrentierlichen Produkten anzulegen.


Experten sehen in der Niedrigzinspolitik auch die Gefahr, dass wegen der erleichterten Kreditvergabe riskantere Kapitalanla- gestrategien verfolgt werden. Wie sehen Sie das?

Natürlich ist es so, dass man in Phasen niedriger Zinsen darauf achten muss, dass sich keine Blasen bilden und dass man sich kei- ne unangemessenen Kreditrisiken in die Bilanz holt. Denken Sie etwa an die hiesige Diskussion um eine mögliche Immobilienblase. Die sehe ich bisher noch nicht. Wenn man sich aber die Immobili- enpreisentwicklung in manchen Städten anschaut, dann nähern wir uns meines Erachtens dem Zenit – und wenn die Zinsen nach- haltig niedrig bleiben, dann wachsen die Gefahren.


Sie sehen derzeit keine gefährlichen Blasen?

Nein. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass wir als Bank weiter- hin unseren hohen Risikostandards treu bleiben müssen. Die Anle- ger hingegen müssen für die gleiche Rendite, die sie vor drei bis fünf Jahren erzielen konnten, heute höhere Risiken eingehen. Ren- dite bei null Risiko, so wie es einst bei Spareinlagen möglich war, gibt es nicht mehr. Stattdessen werden Anleger qualitativ hoch- wertige Anleihen in Erwägung ziehen müssen. Also je nach Risiko-

neigung etwa Anleihen von Schwellenländern oder Unternehmens- anleihen. Wer mutiger ist, kann Aktien in Betracht ziehen, als Di- rektanlage oder breiter gestreut über aktiv gesteuerte Fonds oder ETF-Lösungen – auch in Form von Sparplänen. Unsere Aufgabe als Deutsche Bank ist es, mit den Anlegern darüber zu sprechen, wel- che Risiken sie tolerieren und was wir ihnen dafür bieten können.


Die Deutsche Bank feiert in diesem Jahr 150. Geburtstag. Was können Sie aus der Vergangenheit lernen?

Die Deutsche Bank der Zukunft wird in vieler Hinsicht anders sein als in der jüngeren Vergangenheit. Sie wird sich noch stärker an dem Gründungsgedanken orientieren – nämlich deutsche und eu- ropäische Unternehmen mit der Welt zu vernetzen und unterneh- merische Visionen und Ambitionen zu ermöglichen.


Zurück zu den Wurzeln also?

In gewisser Weise ja. Natürlich werden wir digitaler und wandeln uns Schritt für Schritt zu einer Plattform, um für unsere Kunden die maßgebliche Anlaufstelle zu sein – für alle Finanzthemen, aber auch für Themen, die weit darüber hinausgehen. Grundsätzlich werden die Kunden aber Ähnliches von uns erwarten wie bisher auch: Sie wollen uns als ihr Risikomanager und Anlageberater. Wir sehen das heute schon am Verhalten unserer Kunden: Die Men- schen informieren sich im Internet und vergleichen Angebote. Aber für die wichtigen Entscheidungen suchen sie das Gespräch mit ihrem Berater – und das wird sich auch nicht ändern.

Interview: Martin Häusler, Leonard Prinz

Fotos: Maurice Haas

Das Nachhaltigkeitsrating

einer Firma wird in

wenigen Jahren ähnlich bedeutend sein wie heute

das Bonitätsrating


KARL VON ROHR

Karl

Von Rohr

Geboren 1965 in Essen, studierte er Rechtswissenschaften an den Universitä- ten Bonn, Kiel und Lausanne sowie an der Cornell University in den USA. Seit 1997 bekleidet er bei der Deutschen Bank ver- schiedene Leitungsfunktionen. Karl von Rohr wurde 2015 Mitglied des Vorstands, und seit April 2018 ist er stellvertretender Vorstandsvorsitzender. Er ist Vater von vier Kindern.

Blockbildung hilft nicht, weder dem Frieden noch einer gemeinsamen wirtschaftlichen Entwicklung

KARL VON ROHR

Weiterhin anhaltende Negativzinsen werden die Situation verschärfen und

die Gesellschaft spalten

KARL VON ROHR