ESSAY / Soziale Gerechtigkeit

Werte / N°24

Diese klugen Köpfe machen sich Gedanken darüber, wie man mehr Gerechtigkeit zum Wohle aller schaffen kann (von links): Darrel Moellendorf, Chuck Feeney, Jeffrey Sachs, Per Molander, Jayati Ghosh

Gerechtigkeit

braucht Regeln

Viele Institutionen wollen gerechter und sozialer handeln. Doch den Zahlen zur Verteilung des Wohlstands in der Gesellschaft sieht man das noch nicht an. Woran liegt das, und was ist zu tun, um Ungleichheit zu verhindern?

TEXT

Martin Häusler


ILLUSTRATION

Paula Sanz Caballero

A

Am 14. September 2020, inmitten der Corona-Pandemie, beendete Chuck Feeney seine vier Jahrzehnte währende Mission und unter- zeichnete die Dokumente zur Schließung seiner Wohltätigkeitsor- ganisation Atlantic Philanthropies. Mehr als acht Milliarden Dol- lar, die er sein Leben lang erwirtschaftet hatte, waren an diesem Tag wieder weg. Aber eben nicht verloren: Sie gingen stattdessen an zig Projekte zur Förderung der Altersforschung, der Bildung oder der Menschenrechte.

Feeney, heute 90 Jahre alt, machte sein Vermögen vor allem als Pionier auf dem Duty-Free-Sektor. Ein ausschweifendes Leben führte er nie. „Giving While Living“ war sein Credo – zu geben, noch während man lebt. „Die Armen sind immer mit uns. Es wird nie an Menschen mangeln, denen man helfen kann“, sagte der Amerikaner Feeney in einem Filmporträt, das seltene Einblicke in sein Leben gab. So ist es in der Tat Feeney gewesen, der anderen US-Milliardären wie Bill Gates und Warren Buffett als Vorbild diente, große Teile ihres Vermögens zu Lebzeiten zurück in die Ge- sellschaft fließen zu lassen.

Wäre die Welt gerechter, müsste es Initiativen dieser Art nicht geben. Anfang 2019, vor Beginn der Pandemie, hatte die Nothilfe- und Entwicklungsorganisation Oxfam einen ihrer Berichte zur so- zialen Ungleichheit veröffentlicht. Darin heißt es: „Die Vermögen der Milliardäre sind im vergangenen Jahr um zwölf Prozent (durch- schnittlich 2,5 Milliarden US-Dollar pro Tag) gestiegen, während die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung Einbußen von 11 Prozent (durchschnittlich 500 Millionen US-Dollar pro Tag) erlitten hat.“

Corona hat diese Unterschiede noch vergrößert. Während laut Ox- fam die 1000 reichsten Menschen der Welt ihre Verluste in der Co- rona-Krise in nur neun Monaten ausgleichen konnten, könne es mehr als ein Jahrzehnt dauern, bis sich die Ärmsten von den wirt- schaftlichen Folgen der Pandemie erholt haben. Für den Folgebe- richt mit dem provokanten Titel „The Inequality Virus“ ließ Oxfam 295 Ökonominnen und Ökonomen aus 79 Ländern befragen, dar- unter führende Ungleichheitsforscher wie die indische Ökonomin Jayati Ghosh oder Jeffrey Sachs, Direktor des Sustainable Develop- ment Solutions Network der UNO. Ergebnis: 87 Prozent von ihnen erwarten in ihrem Land eine Zunahme oder einen starken Anstieg der Einkommensungleichheit infolge von Corona.

Warum ist das so? Warum scheinen in guten wie in schlechten Zeiten gerade diejenigen auf der Strecke zu bleiben, denen mehr finanzieller Spielraum, mehr soziale Teilhabe und weniger Sorgen zu wünschen wären? Per Molander, schwedischer Mathematiker und Experte für Verteilungsfragen, sieht hinter diesem Phänomen einen Mechanismus, fast eine Art Naturgesetz. Es lautet: „Wer mehr hat, wird mit großer Wahrscheinlichkeit allein deshalb rei- cher, weil er mehr hat.“ Wem es schwerfällt, sich das vorzustellen, dem erzählt Molander gern die Geschichte vom Murmelspiel. Von dem Jungen, der 50 Murmeln besaß und der dem anderen Jungen, der nur fünf Murmeln Richtung Zielloch schnippen konnte, allein aufgrund seiner mengenmäßigen Dominanz selbst diese noch ab- nahm. „Ein Beispiel für einen sich selbst verstärkenden Effekt, vor denen es im Leben wimmelt“, sagt Molander. Nur mit weitaus grö- ßerer Cleverness würde der Ärmere die Chance haben, den Reiche- ren in die Knie zu zwingen. Das Gleichnis vom Murmelspiel steckt

auch in Molanders Buch „Die Anatomie der Ungleichheit“. Für vie- le Leser*innen ein Aha-Erlebnis. Gepaart mit einer weiteren er- schreckenden Erkenntnis: Ungleichheit – und die damit wahrge- nommene Ungerechtigkeit – sind äußerst schädlich. Nicht nur für das Individuum, sondern auch für das große Ganze, das wirtschaft- liche Wachstum, den sozialen Aufstieg und das Vertrauen der Ge- sellschaft in die Demokratie. Der einstige Politikberater Molander sieht hier den Staat mit all seinen möglichen Maßnahmen in der Pflicht. „In einer gut funktionierenden Gesellschaft bildet er ein Gegengewicht zu den ökonomischen Machthabern“, sagt er. „Der Staat muss dafür stark genug sein und seine Integrität schützen.“

Staatliche Eingriffe scheinen gerade populärer denn je. Geht es doch nicht allein um das Schließen der sozialen Schere, sondern in Anbetracht des sich verschärfenden Klimawandels um die Bewah- rung der Lebensgrundlagen aller. Der Green Deal der EU und der Green New Deal der USA mit ihren eingebauten Mechanismen zur sozialen Abfederung der kommenden Eingriffe sind dafür die bes- ten Beispiele. Auch Prof. Darrel Moellendorf, politischer Philosoph an der Frankfurter Goethe-Universität, hält die politischen Vorstö- ße im Sinne einer Klimagerechtigkeit für existenziell: „Die Politik muss sicherstellen, dass das menschliche Wohlergehen, insbeson- dere für die ärmsten und am stärksten gefährdeten Bereiche der Gesellschaft, als Teil eines Gesamtplans für den raschen Übergang zu einer Netto-null-Kohlenstoff-Wirtschaft vorangetrieben wird. Dies erfordert Investitionen in eine nachhaltige Infrastruktur, die zu mehr und besser bezahlten Arbeitsplätzen führt.“

Um diesen Notwendigkeiten gerecht zu werden, folgen immer mehr Unternehmen den ESG-Prinzipien, sie stellen sich also nach- haltig auf in Umweltdingen (E = Environmental), sozialer Verant- wortung (S = Social) und ethischer Führung (G = Governance) – mit spürbaren Folgen: Eine Studie von PricewaterhouseCoopers (PwC) kommt 2020 zu dem Ergebnis, dass das verwaltete ESG- Fondsvermögen bis 2025 sogar mehr als 50 Prozent des gesamten europäischen Investmentfondsvermögens ausmachen wird.

Drohende politische Regulationen sind nur ein Grund für diesen Boom. Hinzu kommen die von einer neuen Ethik geprägten Präfe- renzen institutioneller Anleger sowie das wachsende öffentliche Bewusstsein dafür, dass derjenige in ein Risiko geht, dem die Welt um ihn herum immer noch egal ist. Experten wie Per Molander ge- ben jedoch zu bedenken, dass Aktiengesellschaften zuvorderst ein Ziel anstreben: das Kapital der Investoren zu mehren. Den ESG- Richtlinien werde daher oft nur so weit gefolgt, wie sie diesem Ziel dienlich sind. Um dem Kodex Substanz zu geben, sei seiner Mei- nung nach eine unabhängige Überwachung in der Praxis wichtig.

Die Welt wird mit ESG vielleicht grüner und menschlicher, Vertei- lungsgerechtigkeit scheint damit noch nicht einherzugehen. Auch die Beiträge von Leuten wie Chuck Feeney „sind natürlich keine Lösung des Ungleichheitsproblems“, sagt Molander. Vielmehr gin- ge es um eine Veränderung der Regeln seines Murmelspiels. Man könne es etwa so beschränken, dass man sich lediglich mit fünf Murmeln beteiligen darf, wenn der ärmere Mensch auch nicht mehr als fünf Murmeln besitzt. „In diesem Fall hätte er, bei glei- chen Voraussetzungen und Fähigkeiten, die gleiche Gewinnchance.“

„Wer mehr hat, wird mit großer Wahrscheinlichkeit allein deshalb reicher,

weil er mehr hat“

Per molander,

Politik-Analyst

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